Müllers Büro
Der Österreichische Film
Edition#30

Müllers Büro

Niki List /// 1986 /// Komödie

100 min • Altersfreigabe: 16 • HD
Sprache: Deutsch
UTs: Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch

„Eine herrliche, parodistische Spielerei. Regisseur und Autor Niki List treibt seinen Schabernack mit den bekanntesten Detektiv-Figuren der Filmgeschichte, mit den Topoi des Film Noir, aber auch mit ganz gewöhnlichen Seifenopern. Die smart-männliche Reinkarnation von Sam Spade, Philip Marlowe & Co heißt hier schlicht Max Müller. Der hat auch ein Büro und eine recht fesche Sekretärin dazu, das Fräulein Schick. Solange Müller keine Aufträge bekommt und nur die endgültig allerletzten Whiskey-Flaschen leert, singt sie mit treuherzigem Augenaufschlag „Weil ich so sexy bin“ oder aber „Männer sind wie Marzipan“. Max Müller selbst und sein deutschen TV-Serien entlehnter Assistent Larry sind allerdings nicht aus Marzipan. Das stellt sich heraus, als die beiden von einer vermögenden Klientin namens Ingrid Bergman einen dicken Auftrag erhalten (Barbara Rudnik sah man nie geheimnisvoller). Mehr zu verraten, wäre gemein.“ TAGESSPIEGEL

„Als wir den Film drehten, war Lachen an sich schon so etwas wie Qualität. Man könnte es auch als Dienst an der Gesundheit des Publikums sehen.“ NIKI LIST

Besetzung  

Christian Schmidt, Andreas Vitásek, Barbara Rudnik, Sue Tauber, Maxi Sukopp, I Stangl, Jochen Brockmann, Gabi Hift u.v.m.

Regie  

Niki List
Drehbuch  

Niki List
Kamera  

Hans Selikovsky

DVD Edition # 30

Müllers Büro (1986) - Komödie | watchAUT Film

Die kalkulierte Naivität

Film noir trifft Film Schmäh: Niki Lists „Müllers Büro“

Bert Rebhandl*


Männer sind wie Marzipan“: Diese für einen Film der Schwarzen Serie eigentlich unpassende Devise passt hier ganz genau. Die Detektive sind nicht hartgesotten, sondern locker gestrickt. Das Mädchen im Vorzimmer fängt nach Dienstschluss einfach zu singen an. Müllers Büro – ein satirisches Film-noir-Musical aus dem Geist der neuen Welle, die in den 80er-Jahren die Popkultur heimsuchte. Trällermelodien galten plötzlich als cool. Sie lockern eine Geschichte auf, die klassisch zu nennen wäre, wäre da nicht eine wienerische Abgründigkeit.

Der Detektiv Max Müller (Christian Schmidt) bekommt von einer Femme fatale (Barbara Rudnik) den Auftrag, ihren Freund Mike zu suchen. Während Max sich mit seinem Freund Larry an die Arbeit macht, tut sich allerhand in der Wiener Unterwelt, die entfernt an Chicago 1930 erinnert. Manche sachdienlichen Hinweise sind aber ganz zeitgenössisch: „Versuchen Sie es mal in der Blue Box.“ Die Gangsterbosse der Stadt heißen Meier, Montana und Delgado. Montana befehligt eine Truppe von Ledermädchen, von denen sich Max Müller aber nicht einschüchtern lässt. Der weniger mannhafte Larry vergnügt sich inzwischen mit einem Mädchen, woraus sich ein weiterer Hit ergibt: „Ich will mehr“.

Die Handlung von Müllers Büro ist vermutlich komplizierter als The Big Sleep, aber der Film noir hat sich immer viel darauf zugute gehalten, dass nicht alles restlos aufgehen muss. In Niki Lists Spaß-noir geht alles in Gags auf. 


„Zwischendurch werden surreale Oden an den Mond gesungen, und für einen vorletzten Schluck im Neonlicht ist immer Zeit.“


Müller trägt Fahndungsfotos in der Unterhose, weil die leichten Mädchen dort zuerst hinschauen. Die Femme fatale ist geheimnisvoll, aber nicht zugeknöpft. Zwischendurch werden surreale Oden an den Mond gesungen, und für einen vorletzten Schluck im Neonlicht ist immer Zeit.

Müllers Büro war ein enormer Hit, was damit zu tun hatte, dass es Hits auf mehreren Ebenen gab: Die Musik half dem Film, der Film transportierte die Musik, der Stilmix brachte viele Synergien. Mit einem Bein stand Niki List in der US-Filmgeschichte, als er Müllers Büro konzipierte. Mit dem anderen stand er in der Wiener Kleinkunst, die mit Andreas Vitásek einen wichtigen Vertreter auf die Leinwand brachte. Der Film noir traf den Film Schmäh – eine Kombination, die so nur in Österreich denkbar ist, aber auch das Publikum in Deutschland überzeugte.

Harald Sicheritz hat mit List die Liedtexte geschrieben – kurze Zeilen kalkulierter Naivität: „Weil ich so sexy bin.“ Heute werden die 80er in Nostalgie-Shows im Fernsehen noch einmal ausgebeutet. Müllers Büro zeigte schon damals das Zerrbild der eigenen Epoche: Coolness wird schnell lächerlich, der Kriminalfilm gleitet ins Absurde ab, Wien ist von seinen Klischees umstellt. Müllers Büro hat einige Klischees des klassischen Kinos dazugestellt. Daraus wurde ein Phänomen, das aus der Popmusik bestens bekannt ist: ein „One-Hit-Wonder“.


*Ständiger Mitarbeiter des Standard, lebt als freier Journalist in Berlin.




Als wir den Film drehten, war Lachen an sich schon so etwas wie Qualität. Man könnte es auch als Dienst an der Gesundheit des Publikums sehen.


NIKI LIST

Voll da: „Das 80er-Revival“

Lachen als eine Art von Qualität: „Müllers Büro“


Niki List über „Müllers Büro“:

Als wir den Film drehten, war Lachen an sich schon so etwas wie Qualität. Man könnte es auch als Dienst an der Gesundheit des Publikums sehen. Bereits beim Machen hatten wir schon eine gute Zeit, und als nach 63 Wochen Laufzeit der Film endlich aus den Kinos verschwand, war’s sowieso okay.“

„Ahnungslos, von filmischer Erfahrung kaum beleckt, begannen viele meiner Freunde mit mir ein Projekt, das mit meinem ersten Film „Malaria“ nur insofern zu tun hatte, als dass die Leute, die immer noch so verrückt waren, daran zu glauben, dass sich im Filmemachen vor allem Qualität durchsetzt, wieder am Werk waren.“

„Der Zeitgeist der 80er-Jahre hat sich zwar geändert, aber das Revival ist voll da. Es gibt seit dem Erscheinen der DVD eine wachsende Fangemeinde, die nach einem zweiten Teil fragt. Wenn ich jetzt Radio höre, fühle ich mich bei mancher Musiknummer in die Zeit der Neuen Deutschen Welle versetzt. Also her mit einem zweiten Teil und im Kino die Zeit vor Aids und Vogelgrippe genießen, als wir zum Lachen noch nicht in den Keller gingen.“


Aus einem Bericht in der „taz“:

„Zu spät zu kommen zu einem Film ist ab und an bei Filmfestspielen unmöglich, dennoch ein besseres Zeichen, als vorher zu gehen. Als ich in diese österreichische Klamotte stieß, waren Müller und sein Kumpel schon in die gröbsten Verstrickungen mit der Unterwelt verwickelt, wenn sie nicht gerade mit einer Frau im Bett lagen. Im Publikum herrschte jedenfalls schon eine Bombenstimmung, das Grölen drang bis ins Foyer. Wenn es hier einen Publikumspreis gäbe, Müllers Büro gehörte zu den Favoriten. Weil – und hier schlägt wieder das Gewissen des Kritikers – Niki List einen Streif- und Raubzug durch die Filmgeschichte unternommen hat, auf dem keine Anleihe bei den besten und den schlechtesten Filmen der Fünfzigerjahre zu schade war.

Der Privatdetektiv, der Frauenheld, Action-, Musical- und Rockmusikfilme werden auf die Schippe genommen. Diese Aufzählung ließe sich beliebig erweitern, so feiert auch die Film-im-Film-Ebene neue Urstände. Wenn man als Regisseur nicht ganz dumm ist, muss das einfach funktionieren. Niki List ist sogar ganz clever, weil er respektlos auf die Karte des Vergnügens setzt. Mal fühlt man sich in den Musikfilm der 60er-Jahre mit Peter Alexander versetzt, dann wird die Rocky Horror Picture Show hochgenommen und es findet sich auch ein Plätzchen für die Klassiker – Fritz Lang lässt grüßen.

Wer sich also eineinhalb Stunden köstlichst auf Kosten anderer amüsieren will, wird bestens bedient. Natürlich wird dabei das Kino nicht neu erfunden, doch die mitunter sehr lustig kombinierten Versatzstücke alles bisher Gewesenen sind allemal unterhaltsamer als vieles von dem gequälten Gefilme, das angeblich den Ausweg aus der Misere weisen soll. Wenn nichts mehr geht, legt Müller los. Das ist ebenso lustig wie traurig anzusehen.



Trailer 2006 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"