Noch lange keine Lipizzaner
Einbürgerung scheint in Österreich ein wahrer „Struggle“ zu sein. So auch für die Regisseurin Olga Kosanović, die, obwohl in Österreich geboren und aufgewachsen, die Staatsbürgerschaft bisher nicht erlangen konnte. In einem Kommentar in einer Tageszeitung zu ihrem Fall schreibt jemand: „Wenn eine Katze in der Hofreitschule Junge wirft, sind das noch lange keine Lipizzaner.“ Abgrenzung schafft ein Gefühl von Identität und Zusammenhalt, einen starken Wir-Gedanken. Welcher Identitätsbegriff liegt einer Gesetzgebung zugrunde, die die Gesellschaft in ein „Wir und die Anderen“ teilt? Der Film über Zugehörigkeit – und der zweite Versuch der Regisseurin, endlich ganz dazuzugehören – wurde 2026 mit dem Österreichischen Filmpreis ausgezeichnet.
„Eine gründliche und vielschichtige Auseinandersetzung mit dem Einbürgerungssystem in Österreich.“
epd film
Österreichischer Filmpreis 2026 für Besten Dokumentarfilm.
Emil Brix, Judith Kohlenberger, Gerd Valchars, Robert Menasse, Elena Wolff, Daniel Wagner, Jeff Ricketts, Gabriele Roller, Vladimir Vulevic u.v.m
ÜBER DEN FILM
Bonus Track: Regisseurin Olga Kosanović über "Noch lange keine Lipizzaner"
Kurator Claus Philipp über "Noch lange keine Lipizzaner"

Wer zählt zum „Wir“ in Österreich?
Zur Staatsbürgerschafts-Dokumentation Noch lange keine Lipizzaner von Olga Kosanović
Bianca Jasmina Rauch*
Welche Auflagen muss ich erfüllen, um die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen zu bekommen, um untermalt von der Bundeshymne meinen Schwur auf dieses Land zu leisten? Regisseurin Olga Kosanović hatte bereits viel Lebenszeit mit Behördengängen verbracht, als sie beschloss, Noch lange keine Lipizzaner zu drehen. Selbst in Österreich geboren und mit aus Serbien migrierten Eltern aufgewachsen, nimmt sie uns auf einen informativen, kritischen, persönlichen und unterhaltsamen Ausritt mit. Dabei führt sie nicht nur teilweise absurd wirkende Auflagen vor, sondern hinterfragt auch Auffassungen von kultureller Identität, Zugehörigkeit und Nationalgefühl.
Die Off-Stimme von Kosanović begleitet und informiert ihr Publikum von Anfang an: Ihr eigener Antrag wurde abgelehnt. Nicht etwa eine Verwaltungsstrafe sorgte für dessen Scheitern, sondern ihre summierten Auslandsaufenthalte seit dem zehnten Lebensjahr. 58 Tage zu viel, und die Zählung beginnt wieder bei null – noch mal auf Anfang, wie bei einem Brettspiel.
Nach einem Auftritt in einer ORF-Diskussionssendung zum Thema Staatsbürgerschaft durchforstet sie die Kommentarspalte. „Wenn eine Katze in der Hofreitschule Junge wirft, sind das noch lange keine Lipizzaner“, schreibt ein:e User:in vom virtuellen hohen Ross aus. Grund für die Filmemacherin, sich dem Thema eingehender zu widmen und die später titelgebende Aussage zu sezieren. Sie besucht die Hofreitschule und zeichnet die Herkunftsgeschichte der Pferde nach, um sie zum Symbolträger des Films werden zu lassen. Lipizzaner, Kaffeehaus, Gemütlichkeit, Berge, Neujahrskonzert – machen diese „Kulturgüter“ die österreichische Identität aus? Wer sind überhaupt „wir“? Woher rühren die Spaltungen einer Gesellschaft, die in einem Land lebt und Steuern zahlt? Wer hat Zugriff auf staatliche Privilegien und wer nicht?
Kosanović interviewt zahlreiche Menschen, stellt Szenen nach, holt Archivmaterial hervor und lässt Alexander Gratzers animierte Figuren miteinander das Gesehene kommentieren. Gespräche mit Wissenschaftler:innen wie Judith Kohlenberger, Autor:innen wie Toxische Pommes und Robert Menasse sprechen über Heimat, Nationalstaat, Fremdheit und Wahlrecht. Einen roten Faden bildet ein Brettspiel, dessen Ziel die Staatsbürgerschaft ist. Jeder Zug bringt eine Aktions- oder Quizkarte und damit einen neuen Aspekt des Themenkomplexes hervor.
Noch lange keine Lipizzaner ist einer jener seltenen Filme, die alle ansehen sollten – vor allem jene, die sich ihres Privilegs nicht bewusst sind. Denn die Staatsbürgerschaft ist als wesentlicher Bestandteil demokratischer Strukturen nicht nur für das Wahlrecht maßgeblich, sondern auch für unser Gefühl von Zugehörigkeit und Abgrenzung.
* ist Filmwissenschaftlerin, -kritikerin und Kuratorin aus Wien.
Eine gründliche und vielschichtige Auseinandersetzung mit dem Einbürgerungssystem in Österreich.
epd film
„Dann lass’ ich es halt und bleibe Serbin“
Regisseurin Olga Kosanović über ihren autobiografisch inspirierten Dokumentarfilm Noch lange keine Lipizzaner
Zur Person: Olga Kosanović, geboren 1995 in Österreich, ist eine in Wien lebende Regisseurin, Drehbuchautorin und Lehrende. Ihre Kurz- und Langfilme erhielten zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Österreichischen Filmpreis 2026 für Noch lange keine Lipizzaner.
©Harald Wawrzyniak
Sich in Österreich einbürgern zu lassen, werde ein kurzer Formalakt, dachte Olga Kosanović. Schließlich ist die 30-Jährige in Österreich geboren, in Wien aufgewachsen und in die Schule gegangen. Doch ihr Antrag wurde von der Wiener Einwanderungsbehörde MA 35 abgelehnt. Der Grund: Die Regisseurin hatte 58 Tage zu viel im Ausland verbracht. Vor allem wegen ihres Studiums in Deutschland, aber auch wegen Urlauben in Serbien, der Heimat ihrer Eltern. Ihre Erfahrung inspirierte Kosanović zu ihrer neuen Doku: Noch lange keine Lipizzaner beleuchtet die Hürden und Schikanen auf dem Weg zum österreichischen Pass – in einem Land, dessen Staatsbürgerschaftsgesetz zu den strengsten der Welt zählt.
STANDARD: Was bedeutet Heimat für Sie?
Kosanović: Heimat ist zum Beispiel ein Soda Zitron, das gibt es nur in Österreich, und überall sonst fehlt es auf der Speisekarte. Ich habe das Gefühl, Heimat, Zugehörigkeit und Staatsbürgerschaft werden oft vermischt. Heimat ist für jeden was anderes: ein Ort, ein Reisepass, eine Familie.
STANDARD: Wieso möchten Sie die österreichische Staatsbürgerschaft haben?
Kosanović: In erster Linie, um wählen zu können. Ich bin hier geboren und in die Schule gegangen, ich bin Teil dieser Gesellschaft. Dann geht es um die Frage: Wie viele Rechte habe ich? Und nicht nur: Wie viel gebe ich? Und andererseits für den diplomatischen Schutz, wenn man im Ausland ist: generell die Selbstverständlichkeit, dass sich Österreich für einen zuständig fühlt. Das fühlt sich im Moment sehr einseitig an.
STANDARD: Fällt es Ihnen schwer, die serbische Staatsbürgerschaft abzugeben?
Kosanović: Ja. Das hat hauptsächlich mit einem Ungerechtigkeitsgefühl zu tun. Ich denke, es steht mir zu, dass ich beides habe, weil beides meine Identität und meine Familiengeschichte abbildet. Oft wird das zu einer Loyalitätsfrage gemacht. Aber das eine schließt das andere nicht aus. Die Debatte müsste eigentlich sein: Was bildet die Realität ab? Und das sind heutzutage einfach multinationale Mehrfachidentitäten.
STANDARD: Wäre die österreichische Staatsbürgerschaft nach dem langen Weg etwas, worauf Sie stolz sind?
Kosanović: Falls es jemals einen Nationalstolz in mir gab, wurde der leider mittlerweile kaputt gemacht. Wenn das damals gleich geklappt hätte mit dem Antrag, wäre das sicher anders gewesen. Aber die Erfahrung war desillusionierend und zermürbend, vor allem auch, nach dieser Ablehnung nochmals auf Start zu gehen. Zwischendurch dachte ich mir: Dann lass’ ich es halt und bleibe Serbin, wenn ihr mich nicht wollt. Ich glaube, das ist sehr menschlich. Letztlich hat aber die Pragmatik überwogen. Es ergibt für mein Leben einfach Sinn. (Interview: Clara Wutti, Isadora Wallnöfer, 22.9.2025)
Vollständiges Interview hier: Regisseurin Olga Kosanović: "Ich dachte: Dann lass' ich es halt und bleibe Serbin" - Inland - derStandard.at › Inland






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