Peter, das Mädchen von der Tankstelle
Der Österreichische Film
Edition#403

Peter, das Mädchen von der Tankstelle

Hermann Kosterlitz /// 1934 /// Komödie

89 min • Altersfreigabe: 0 • HD
Sprache: Deutsch
UTs: Englisch

Eine 17-Jährige landet mit ihrem Großvater mittellos auf der Straße und schlägt sich als Zeitungsverkäuferin durch. Von einem Dieb auf der Flucht wird sie genötigt, die Kleider zu tauschen, und wird, als Junge gekleidet, von einem Arzt aufgegriffen, der ihr eine Arbeit in einer Tankstelle besorgt. Unterhaltsame, in Budapest entstandene Exil-Komödie mit einer „Hosenrolle“ für die damals populäre Ungarin Franziska Gaal, die bei Drehbeginn fast 30 Jahre alt war. Der erste internationale Erfolg des Gespanns Hermann Kosterlitz (= Henry Koster, Regie) und Joseph Pasternak (Produktion), das seine Karriere in den USA fortsetzte. (filmdienst.de)

„Kein einziges Branchenblatt würdigte Franziska Gaal mit einem Nachruf, was die einstmals so populäre Darstellerin völlig in Vergessenheit geraten ließ. Auf der Leinwand aber lebt sie weiter!“

Brigitte Mayr, SYNEMA

Besetzung  

Franziska Gaál, Hans Jaray, uvm.

Regie  

Hermann Kosterlitz
Drehbuch  

Felix Joachimson, Johann (János) Vaszary
Kamera  

Stefan (István) Eiben

Brigitte Mayr (Synema-Gesellschaft für Film & Medien) zum Film PETER, DAS MÄDCHEN VON DER TANKSTELLE

Kurator:innenstatement Florian Widegger zum Film PETER, DAS MÄDCHEN VON DER TANKSTELLE

Girls will be Boys

Peter, das Mädchen von der Tankstelle und Genderfluidität im Kino der Zwischenkriegszeit

Brigitte Mayr*


Auch wenn der Name eines Mannes dieser schwungvollen Verwechslungskomödie mit sozialkritischem Touch den Titel gibt, so ist seine Heldin in Wirklichkeit eine junge Frau. Als Eva und ihr Großvater (Felix Bressart) delogiert werden, sehen sich die beiden gezwungen, auf die Schnelle Geld zu verdienen und versuchen sich als Straßenmusikanten. Dabei wird sie aber von einem flüchtenden Dieb in einen Hinterhof gezerrt, um unfreiwillig die Kleidung mit ihm zu tauschen, damit er als „Mädchen“ der Polizei entkommen kann, woraufhin Eva sich fortan als „Peter“ getarnt in seinen übergroßen Hosen, seinem Hemd, seiner Mütze und Perücke als Zeitungsjunge durchschlagen muss. Übereifrig stapelt sie beim Ausrufen der Schlagzeilen dermaßen hoch – „Ereignis des Jahres: Zweijähriger überfällt seine ganze Familie!“ –, dass ein unzufriedener Kunde sich beschwert, dass diese Nachricht in der Zeitung ja gar nicht zu finden sei, und ihretwegen einen Autounfall baut. Vor Gericht gebracht, testet sie ihre neu entdeckte Männlichkeit aus, indem sie einen ihr gegenübersitzenden delinquenten Spitzbuben (Hans Richter) nachahmt, seine Grimassen, sein Spucken und Grinsen kopiert und auch noch einen urkomischen Weg findet, sich dazu passende Sommersprossen zu verschaffen.

Es ist der „bezaubernden Anmut gepaart mit ungarischem Temperament der beliebten Schauspielerin“ Franziska Gaal zu danken, resümiert die Österreichische Film-Zeitung über die 1934 uraufgeführte Komödie Peter, das Mädchen von der Tankstelle, die „sich ausgezeichnet in der Rolle des halbwüchsigen Jungens macht, den sie mit überzeugender Wahrhaftigkeit zu geben weiß“. Sie transferiert die von ihr bereits in zahlreichen Lustspielen erprobte Bühnenrolle der Naiven und verkörpert auf der Leinwand Peter alias Eva in bester komödiantischer Tradition als liebenswerten Fratz.

Eva, die – an der Schwelle zum Erwachsenwerden – zwangsläufig zum Jungen gemacht wurde, in den sie sich in einem Akt der Selbstermächtigung auch glaubhaft verwandelt, erkennt bald, dass sie es als Peter um vieles leichter hat im Leben. Denn der fesche Arzt (Hans Jaray), der sie vor Gericht eigentlich verklagen wollte, verschafft ihr kulanterweise dann doch Arbeit in einer Automobilgarage, deren Besitzer (Otto Wallburg) ganz zufrieden ist, obwohl der Bengel im Tankwart-Overall mit seinen spitzbübischen Streichen allerlei komische Zwischenfälle evoziert. Bis zum Happy End, bei dem das angehimmelte männliche love interest endlich erkennt, welch tollen Charakter sein weibliches (verkleidetes) Gegenüber zu bieten hat, sind gute eineinhalb Stunden angefüllt mit herrlichem Slapstick rund um den Kostümwechsel, das Aneignen von habituellen Unterschieden wie Haltung, Gang und Sprachgebrauch und das Erproben von Männlichkeitsritualen wie Bartrasur, Zigarrenrauchen oder Trinkexzesse.

Schon der lockere Umgang mit den vertauschten Geschlechterattributen beeindruckt bis heute, die wohl mutigste Chuzpe aber ist der finale Kuss zwischen Franziska Gaal und Hans Jaray, beide im Frack. So anstandslos spritzig konnte dieser Cross-Dressing-Spaß mit exquisitem Timing freilich nur im Exil inszeniert werden, denn im deutschen Kino war zur Entstehungszeit des Films an ein offenes Spiel mit sexuellen Identitäten gar nicht mehr zu denken.


Kein einziges Branchenblatt würdigte Franziska Gaal mit einem Nachruf, was die einstmals so populäre Darstellerin völlig in Vergessenheit geraten ließ. Auf der Leinwand aber lebt sie weiter!


BRIGITTE MAYR, SYNEMA

Peter atmet noch den Geist der Weimarer Republik, herübergerettet nach Österreich für eine viel zu kurze Zeit, nämlich die des „Unerwünschten Kinos“ von 1934 bis 1937. Nach Hitlers Machtübernahme sahen sich viele jüdische Filmschaffende gezwungen, Deutschland zu verlassen, mussten, für geächtet erklärt, um ungehindert in ihrem Beruf weiterarbeiten zu können, ins erste, innereuropäische Exil nach Wien, später nach Budapest aufbrechen, um eine unabhängige Filmproduktion zu etablieren. Die engagierten Emigrant:innen, die der Abhängigkeit vom deutschen Markt zu entrinnen suchten, lassen ihr Know-how in die „Filme der Verbotenen“ einfließen – allen voran der exzellente Peter, „a distinct hit, outdoing all previous Francy Gaal films“ (Variety 1935).

Als der Produzent Joe Pasternak Franziska Gaal 1932 von Budapest nach Berlin holte, landete sie mit ihrem ersten deutschsprachigen Film Paprika einen regelrechten Coup, der sich mit Gruß und Kuß, Veronika! fortsetzte und ihr einen kometenhaften Aufstieg bescherte. Da ihre Filme nach 1933 von den Nazis mit einem Aufführungsverbot belegt wurden, wich sie nach Österreich und Ungarn aus, wo sie besonders mit den Universal-Produktionen des „Unerwünschten Kinos“ (Katharina – die Letzte, Peter, das Mädchen von der Tankstelle und Kleine Mutti) das Publikum bezauberte, stets mit einem versierten Team an ihrer Seite: Regisseur Hermann Kosterlitz (in den USA später Henry „Mein Freund Harvey“ Koster), Drehbuchautor Felix Joachimson (später Felix „Spring Parade“ Jackson) und der für das amerikanische Universal Studio zwischen Budapest und Wien die Strippen ziehende Produzent Joe Pasternak.

Auch Franziska Gaal (1903–1972) konnte dem Schicksal, das die Nazis für sie als Jüdin vorgesehen hatten, entkommen; sie wurde sogar von Cecil B. DeMille nach Hollywood engagiert – doch ihr Talent wurde dort in B-Movies verschlissen, und sie starb verarmt und völlig in Vergessenheit geraten in New York. Auf der Leinwand aber lebt sie weiter.

 

* ist wissenschaftliche Leiterin von SYNEMA – Gesellschaft für Film und Medien (Wien).



Trailer 2026 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"