Quo Vadis, Aida?
Der Österreichische Film
Edition#367

Quo Vadis, Aida?

Jasmila Žbanić /// 2020 /// Drama

100 min • Altersfreigabe: 12 • HD
Sprache: Deutsch / Bosnisch-Kroatisch-Serbisch / Audiodeskription Deutsch
UTs: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte, Deutsch partiell, Englisch

Bosnien, Juli 1995. Aida (Jasna Djuričić) ist Lehrerin und arbeitet als Übersetzerin für die UN in der Kleinstadt Srebrenica. Als die serbische Armee die Stadt einnimmt, gehört ihre Familie zu den Tausenden von Menschen, die im UN-Lager Schutz suchen. Aida hat als Dolmetscherin in den Verhandlungen Zugang zu entscheidenden Informationen. Sie versucht dabei, Lügen und Wahrheiten auseinanderzuhalten, um herauszufinden, wie sie ihre Familie und ihre Mitbürger*innen retten könnte. Die Lage spitzt sich zu, als ihr Ehemann, Direktor der örtlichen Schule, Srebrenica bei den Verhandlungen mit dem bosnisch-serbischen General Ratko Mladić vertreten soll.

Europäischer Filmpreis 2021 - Bester Film, Beste Regie, Beste weibliche Hauptrolle

Besetzung  

Jasna Djuričić, Izudin Bajrović, Boris Ler, Dino Bajrović, Johan Heldenbergh, u.v.m.

Regie  

Jasmila Žbanić
Drehbuch  

Jasmila Žbanić
Kamera  

Christine A. Maier

DVD Edition #367

Quo Vadis, Aida? (2020) - Drama | watchAUT Film

Wie eine Löwin kämpft

„Quo Vadis, Aida?“ von Jasmila Žbanić

Dorian Waller*


Die Angabe zu Raum und Zeit ist denkbar knapp und doch auch ein Statement: „Europa, Bosnien, Juli 1995“. Nicht irgendwo in einem halbwilden Winkel der Welt, sondern in Europa, aus österreichischer Sicht nahezu vor der sprichwörtlichen Haustür, spielten sich die schrecklichen Ereignisse ab, von denen Jasmila Žbanić in ihrem Spielfilm Quo Vadis, Aida? erzählt. Und auch nicht in längst vergessenen Zeiten, sondern am Ende des 20. Jahrhunderts haben sie sich zugetragen.

Mehr als 8000 Bosniaken – größtenteils Männer und Buben zwischen 13 und 78 Jahren – wurden beim Massaker von Srebrenica von der Armee der Republika Srpska und serbischen Paramilitärs ermordet. Die niederländischen Blauhelm-Soldaten, deren Stützpunkt von Schutz suchenden Zivilisten belagert wurde, schritten damals nicht entschieden ein, um das sich anbahnende Verbrechen zu verhindern.

Jasmila Žbanić, deren Spielfilmdebüt Esmas Geheimnis – Grbavica bereits die Nachwirkungen des Bosnienkrieges behandelt und 2006 mit dem Goldenen Bären bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin ausgezeichnet wurde, bleibt bei ihrer Darstellung der Geschehnisse auf eine Handvoll Personen fokussiert.

Allen voran: Aida, eindrücklich verkörpert von Jasna Duričić. Aida, die Dolmetscherin, die zwischen Niederländern und Bosniaken die richtigen Worte wiedergeben soll. 


„Bei aller Dynamik und Spannung wird nie der Blick darauf verstellt, dass es sich bei dem Gezeigten um eine reale Tragödie handelt.“


Aida, die Mutter und Ehefrau, die, allein durch einen UN-Ausweis um ihren Hals privilegiert, ihren Mann und ihre Söhne zu retten versucht. Aida, die Frau, die dem Kriegstreiben der Männer mit zunehmender Verzweiflung zusieht und überleben wird.

Wie eine Löwin kämpft sie um ihre Familie, wie ein gefangenes Tier in seinem Käfig hetzt sie zugleich vergeblich von einem Ende des Blauhelm-Lagers zum anderen. Den ihr bekannten Flüchtlingen, die immer wieder nach ihr rufen, kann sie nicht helfen, und auch ihr wird von den überforderten niederländischen Soldaten nicht geholfen werden. Diese verweisen ein ums andere Mal auf die Vorschriften und sind selbst in einer unbeweglichen Bürokratie gefangen.

Mit der österreichischen Kamerafrau Christine A. Maier reißen Regisseurin und Hauptdarstellerin die Zuseher von einem Punkt des Lagers zum nächsten, während der Druck (nicht nur) im Lager bis zum Unerträglichen steigt. So gelingt es auch ohne eine plumpe, explizite Darstellung der Gräueltaten, die Betrachterinnen und Betrachter wahrlich zum Mitleiden zu bringen. Zugleich wird bei aller Dynamik und Spannung nie der Blick darauf verstellt, dass es sich bei dem Gezeigten um eine reale Tragödie handelt.

Eine Tragödie, die, wie der Epilog dann noch zeigt, von biblischer Wucht, aber wohl nicht zu Ende geschrieben ist. Und die sich auch heute noch, mitten in Europa, jederzeit wiederholen kann.


*Lebt als Autor in Perchtoldsdorf.




Ein umwerfendes, zutiefst bewegendes Drama … ganz große Freude.


FM4

„Vom Inneren des Kriegs“

Jasmila Žbanić im Gespräch mit Dominik Kamalzadeh über „Quo Vadis, Aida?“


ZUR PERSON: Jasmila Žbanić ist eine bosnische Filmregisseurin

©Polyfilm


Standard: Sie sind während des Krieges aufgewachsen. Was hat Sie dazu bewegt, nach einer gültigen Repräsentation von Srebrenica zu suchen?

Žbanić: Das Thema hat mich verfolgt. Als Bürgerin konnte ich mich zwar nach und nach informieren, als Künstlerin dachte ich jedoch, es muss auch noch anders verbreitet werden. Zu wenige wissen darüber Bescheid, was wirklich passiert ist. Das hat mich motiviert, mich immer tiefer in die Materie hineinzugraben. Ich erinnere mich, dass es 1995 ein Riesenschock war, als ich erfuhr, dass Srebrenica von der serbischen Armee erobert wurde. Wir waren schon davor von der UNO betrogen worden, doch so weit war es noch nie gegangen. Man hat die Serben gewähren lassen, nicht einen einzigen Schuss abgefeuert. Und als wir später herausfanden, wie viele Menschen vermisst wurden, wurde es richtig schwer.

Standard: Sie wählen eine weibliche Perspektive, was den Film von gängigen Kriegsfilmen unterscheidet. Ging es darum, mehr von der Logik des Überlebens zu erzählen, selbst wenn das letztlich misslingen muss?

Žbanić: Die meisten Kriegsfilme zeigen den Krieg so, wie Männern ihn verstehen. Selbst wenn Frauen wie Kathryn Bigelow Kriegsfilme machten, wird das oft sehr männlich. Ich habe die Belagerung von Sarajevo erlebt und kann nichts Attraktives am Krieg finden. Für mich verkörpert er die Banalität des Bösen. Er ist eine männliche Sache, die mit einer enormen Bürokratie einhergeht – Helden und Patrioten, wie sie Filme oft zeigen, finde ich darin nicht. Meine Kamerafrau Christine A. Maier und ich haben lange diskutiert, wie wir Aidas Perspektive vermitteln wollen. Wir wollten aus ihrer Sicht das Innere des Krieges betrachten: wie die UN-Autoritäten selbst Angst hatten, wie sie betrogen und gelogen haben, auch sich selbst. Das war unser Schlüssel, um den Krieg zu verstehen.

Standard: Dazu gehören viele Widersprüche im System. Aida ist eine Heldin, die mit den Regeln bricht, um andere zu retten. Die niederländischen UN-Soldaten tun genau das nicht.

Žbanić: Aida kämpft zuerst für alle, am Ende dann nur noch um einen einzigen Sohn. Es gibt keine Regeln, die sie von diesem letzten menschlichen Ziel abhalten können. Die Soldaten dagegen befolgen nur ausgewählte Regeln. An die Regel, die die Mission vorgibt, also im Notfall auch zu schießen, halten sie sich etwa nicht. Damit wird die militärische Struktur auf den Kopf gestellt.

Standard: Ist es eine Krise der Befehlsstruktur? Man gewinnt den Eindruck, die Soldaten sind ratlos.

Žbanić: Das stimmt, ich zeige auch, dass die Niederländer keine Unterstützung von ganz oben bekamen. Andererseits – hätte der leitende Offizier Thomas Karremans mehr Empathie gezeigt und die wahre Idee der UN-Mission ernst genommen, hätte er auch Bosnier retten können. Es gibt kein politisches System und keine Bürokratie, die einen daran hindern, Menschen gegenüber solidarisch zu sein.

Standard: Es hätte also mehr Mut zum Alleingang bedurft?

Žbanić: Ja, aber ich finde das nicht heroisch, es geht um Empathie. Die Niederländer hatten große Vorurteile, sie haben Muslime nicht der Rettung wert befunden – das war das Problem. Ein kanadischer Offizier hat in einer sehr ähnlichen Situation seine Basis allen Flüchtenden geöffnet und der serbischen Armee untersagt, sie zu betreten.



Trailer 2022 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"