Recycling Film History
Eine feine Auswahl avantgardistischer Meisterwerke von Sabine Hiebler/Gerhard Ertl, Gustav Deutsch, Lisl Ponger, Siegfried Fruhauf, Mara Mattuschka, Thomas Draschan/Stella Friedrichs, Dietmar Brehm, Peter Tscherkassky, Martin Arnold vereint. Schwerpunkt: Found Footage – das Spiel mit „gefundenem“ Material. Keine Gattung, kein Genre ist vor dem Zugriff gefeit: Große Dramen, Heimatfilme, Horrormovies, das Kino der Filmpioniere, Amateurfilme, Katastrophenmovies, Pornofilme, Lehrfilme ... Was sich da jetzt lesen mag wie das erweiterte Semesterprogramm eines Filmlehrgangs für Fortgeschrittene, birgt einige der erfolgreichsten Filme, die das österreichische Kino jemals hervorgebracht hat.
„Filmstreifen, ja die gesamte Kinoapparatur, in ihre Bestandteile zerlegt...“ PETER TSCHERKASSKY
- Sabine Hiebler/Gerhard Ertl: DEFINITELEY SANCTUS - 1992, (4 min.)
- Gustav Deutsch: WELT SPIEGEL KINO – Episode 1 - A/NL 2005, (30 min.)
- Lisl Ponger: PASSAGEN - 1996, (12 min.)
- Siegfried A. Fruhauf: MIRROR MECHANICS - 2005, (7 min.)
- Mara Mattuschka: S.O.S. EXTRATERRESTRIA - 1993, (10 min.)
- Thomas Draschan/Stella Friedrichs: TO THE HAPPY VIEW - 2003, (4 min.)
- Dietmar Brehm: VERDREHTE AUGEN - 2002, (12 min.)
- Dietmar Brehm: BLAH BLAH BLAH - 2006, (12 min.)
- Peter Tscherkassky: HAPPY END - 1996, (11 min.)
- Peter Tscherkassky: OUTER SPACE - 1999, (10 min.)
- Martin Arnold: PASSAGE À L’ACTE - 1993, (12 min.)
Die Filme sind zum Teil schwarz-weiß und stumm.
ÜBER DEN FILM
Secondhand-Kino
„Recycling Film History“ – Filmavantgarde made in A
Peter Tscherkassky*
Falls österreichische Kunst mit irgendeiner Gattung in die internationale Topliga vorgestoßen ist, dann im Bereich der Filmavantgarde.
Es beginnt in den späten 1950er-Jahren. Da ist zunächst das handgefertigte Kino des Peter Kubelka: maßgeschneiderte Filme, in denen Sekundenbruchteile sich auf der Leinwand zu funkelnden Protuberanzen fügen. Bald schon folgen die mathematisch-seriellen Kurzschnittkaskaden des Kurt Kren. Dann das erweiterte Kino der revoltierenden 1960er-Jahre: mit herzerfrischender Gründlichkeit zertrümmern Ernst Schmidt jr., Hans Scheugl, Peter Weibel, Valie Export den Illusionsapparat des Kinos.
Als am Beginn der 1980er eine nachrückende Generation Filmschaffender sich hinter ihre Kameras klemmt, wiegt solches Erbe schwer. Sonderlich beirrt zeigt sich dennoch niemand, und bald schon stoßen viele der Jungen, auch ohne kollektiven Masterplan, auf Found Footage . . .
„Footage“ ist der englische Fachausdruck für Filmmaterial. Er leitet sich vom Längenmaß für den Film ab, dem „foot“. „Found Footage“ wiederum bezeichnet Filme, die teilweise oder zur Gänze aus fremden, irgendwo und irgendwie vorgefundenen Filmen hergestellt wurden. Found Footage wird von der Avantgarde schon lange verwendet; noch nie allerdings hat es eine dermaßen prägende Rolle gespielt wie in der jüngsten Vergangenheit. Die klassische Avantgarde war an den spezifischen, materialen Eigenschaften des Mediums interessiert gewesen.
„Anders als beim Zitat geht es im Found- Footage-Film darum, diesen vorgefundenen Sinn zu brechen. Entworfen wird eine Meta-Ebene.“
Nun wandte sich eine neue Generation den filmischen Inhalten zu, die zuvor von fremder Hand, mit oder ohne künstlerische Intention, gestaltet worden waren. Anders als beim Zitat geht es im Found- Footage-Film darum, diesen vorgefundenen Sinn zu brechen. Entworfen wird eine Meta-Ebene, von der aus latente Bedeutungen erkennbar gemacht und zugleich neue geschaffen werden.
Einige der zentralen Protagonisten dieses Genres finden sich in kleiner, aber feiner Auswahl auf dieser DVD vereint. Zugleich belegt selbige, dass keine Gattung, kein Genre vor dem Zugriff gefeit ist: Große Dramen (passage à l’acte), Heimatfilme (Definitely Sanctus), Horrormovies (Outer Space), das Kino der Filmpioniere (WELT SPIEGEL KINO), Amateurfilme (Passagen, Happy- End), Pornofilme (Verdrehte Augen, Blah Blah Blah), Katastrophenmovies (S.O.S. Extraterrestria), Lehrfilme (Mirror Mechanics), oder ein wilder Mix aus all dem (Draschan).
Was sich liest wie das erweitere Semesterprogramm eines Filmlehrgangs für Fortgeschrittene, birgt einige der erfolgreichsten Filme, die das österreichische Kino jemals hervorgebracht hat. Nahezu jeder von ihnen wurde mehrfach auf internationalen Festivals preisgekrönt. Solche Erfolge verdanken sich künstlerischer Relevanz, gepaart mit gesteigertem Unterhaltungswert. Eine hohe Vorgabe. Und gleich können Sie überprüfen, ob sie erfüllt wird.
*Filmemacher, zuletzt: „Instructions for a Light and Sound Machine“ (2005).
Filmstreifen, ja die gesamte Kinoapparatur, in ihre Bestandteile zerlegt...
PETER TSCHERKASSKY
Bildbearbeitung
Elf Stationen des experimentellen Kinos aus Österreich
Sabine Hiebler/Gerhard Ertl Definitely Sanctus (1992, 4 min)
Definitely Sanctus ist eine Bearbeitung alpiner Sitten und Gebräuche und ist aus Szenen von Heimatfilmen der 50er- Jahre zusammengestellt. (S.H. & G.E.)
Gustav Deutsch WELT SPIEGEL KINO – Episode 1 (A/NL 2005, 30 min)
Eine Episode über die Polysemantik frühen Kinos, die mit einem Schwenk über ein historisches Wiener Kino beginnt. Deutsch begreift die Aufnahme als Suchmaschine, die auch sinnliche Effekte generiert. (Dominik Kamalzadeh)
Lisl Ponger Passagen (1996, 12 min)
Passagen aus Reisefilmen in einer rhythmisch makellosen Abfolge von Bewegungen und Stillständen. Wenn dazu im Off Interviews mit Emigranten anklingen, so sind dies Verfremdungen eines Raums, in dem die Barrieren zwischen dem Fremden und dem Eigenen obsolet werden. (Claus Philipp)
Siegfried A. Fruhauf Mirror Mechanics (2005, 7 min)
Eine Frau blickt in einen Spiegel: Knarren suggeriert Bedrohung, immer wieder dreht sie sich um, doch sie sieht nur sich selbst – dem Blick der Kamera ausgesetzt, der mit der Dauer des Films immer gnadenloser wird. (Aki Beckmann)
Mara Mattuschka SOS Extraterrestria (1993, 10 min)
Eine Godzilla-Imitatorin auf dem Weg zu sich selbst: die außerirdische Riesin in den Straßen einer Großstadt, Unsinn stiftend, Vernichtung produzierend, mit dem Eiffelturm kopulierend. (Stefan Grissemann)
Thomas Draschan / Stella Friedrichs To the Happy Few (2003, 4 min)
To the Happy Few ist um die Idee des Mandala strukturiert. Das Mandala tritt in Form von grafisch stilisierten Sonnensystemen, Atommodellen und vielem anderen mehr in Erscheinung. (T.D.)
Dietmar Brehm Verdrehte Augen (2002, 12 min, stumm)
Ein Drama der Blicke, in dem die verdrehten Augen der Frau sexuelle Überlegenheit und Unterwerfung zum Ausdruck bringen. (Bert Rebhandl)
Dietmar Brehm Blah Blah Blah (2006, 12 min)
Ein Versuch über die Unruhe: Blah Blah Blah enthält eine Unmenge von verschiedenartigen Aufnahmen in einer Montage, die zwischen kontemplativem Bild und rapiden Bildstürzen wechselt. (Bert Rebhandl)
Peter Tscherkassky Happy End (1996, 11 min)
Ein Ehepaar, das sich und der Kamera alljährlich zu Weihnachten fröhlich zuprostet, kehrt wieder und wieder. Der Bestand an Alkoholika und sonstiges Zubehör wechseln, das Gesten-Repertoire bleibt gleich. (Isabella Reicher) Peter Tscherkassky Outer Space (1999, 10 min) Ein US-Horrorfilm liefert das Ausgangsmaterial für Bearbeitungen, die den Bildträger und die Erzählung umformen und jene unsichtbare Macht, die im Horrorfilm eine Frau bedroht, in eine furiose Materialschlacht in Cinemascope verwickelt. (Isabella Reicher)
Martin Arnold passage à l’acte (1993, 12 min)
Eine Familie im Zustand der Aphasie. Das Lallen, Zischen, Klopfen, Spucken, Bellen ist kaum anders aufzunehmen denn als Serie höchst aggressiver Akte. (Ekkehard Knörer)


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