Rose
Irgendwann während des Dreißigjährigen Kriegs taucht ein Fremder in einer kleinen Ortschaft auf. Der Soldat beansprucht ein Stück Land mitsamt verfallenem Bauernhaus für sich. Er baut sich ein neues Leben auf, heiratet und gewinnt nach und nach den Respekt der Gemeinde. Keiner scheint hinter ihr Geheimnis zu kommen. Markus Schleinzers ROSE basiert auf historischen Berichten über Frauen, die sich als Männer ausgeben, um sich in einer rigiden Ordnung neue Handlungsspielräume zu eröffnen. Die reduzierte Bildsprache, die behutsame Erzählweise und das präzise Spiel von Sandra Hüller machen daraus einen Film, der Identität nicht festschreibt, sondern in Bewegung hält – und mit leichter Hand Vergangenes ohne Nachdruck in die Gegenwart überführt. (Florian Widegger)
„Sollten wir Menschen wirklich dafür bestrafen, wer sie sind und dass sie frei sein wollen?“ Sandra Hüller
Für ihre Rolle in ROSE wurde Sandra Hüller bei der Berlinale 2026 mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet.
Diagonale 2026: Auszeichnungen für Drehbuch & Filmmusik.
Sandra Hüller, Caro Braun, Marisa Growaldt uvm.
ÜBER DEN FILM
Bonus Track: Regisseur Markus Schleinzer über "Rose"
Kuratorin Valerie Dirk über "Rose"

Eine Hose für die Freiheit
Zu Markus Schleinzers Historien- und Kleidertauschdrama Rose
Dunja Bialas*
Ein mysteriöser Mann kommt nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges in ein protestantisches Dorf in Süddeutschland. Er trägt eine Urkunde bei sich, die ihn als rechtmäßigen Besitzer eines Gutshofs ausweist. Die Leute sind misstrauisch. Der unbekannte Soldat, der dem großen Krieg des 17. Jahrhunderts mit einer entstellten Gesichtshälfte entkommen ist, lutscht indes unbeirrt an der Bleikugel, die er als Talisman um den Hals trägt. Das Vertrauen gewinnt er erst, als er einen Bären erlegt. Von da an ist er der Bärentöter, der die Dorfbewohner beschützt.
Was sie erst noch herausfinden müssen, gibt der Titel bereits preis. Der Mann reist unter falscher Identität, in den Beinkleidern verbirgt sich eine Frau namens Rose. Sandra Hüller brilliert im Vexierspiel der Täuschung. Für ihre Darstellung erhielt sie 2026 den Silbernen Bären auf der Berlinale.
Dem Österreicher Markus Schleinzer geht es jedoch nur vordergründig um die Enttarnung einer Frau in Männerkleidung. Indem er seine Protagonistin von Beginn an durchschaubar macht, gibt er den Blick frei für alles, was hinter der Fassade liegt. Es geht um eine Gesellschaftsordnung, in der jeder sich seinen Platz erst verdienen muss – aber nur die Männer Handlungsträger sein dürfen. In der landwirtschaftlichen, patriarchalen Ordnung teilen sie gleichermaßen die Äcker und die Frauen unter sich auf und bestimmen, wer dazugehört. Die Hose, die Rose schon früh in ihrem Leben angelegt hat, nennt sie einmal „Hose der Freiheit“. Nur solange sie als Mann unerkannt lebt, kann sie ein unabhängiges Leben führen, mit den männlichen Rechten und Pflichten wie dem Dienst im Dreißigjährigen Krieg – oder dem Vollzug der Ehe.
Rose erzählt in historisierendem Schwarz-Weiß (Kamera: Gerald Kerkletz) weitreichend von einer Welt im Umbruch. Rose wird zu einem erfolgreichen Gutsherrn und strebt nach noch mehr Reichtum. Sie geht eine Ehe mit Suzanna (Caro Braun), der Tochter eines Großbauern, ein. Expansion erfordert Investition. Erzählt wird hier vom beginnenden Siegeszug des kapitalistischen Glaubensbekenntnisses: Fleiß fährt schon im Diesseits Ertrag ein, Belohnung kommt nicht erst im Jenseits. Das protestantische Leistungsethos trägt Früchte – auch als Risikokapital.
Schleinzer hat viel für seinen Film recherchiert und verbürgte Beispiele von Frauen zusammengetragen, die als Mann gelebt haben. Die gewundene Sprachlichkeit seiner Figuren wirkt authentisch. Auch vom Brauch, über die Dörfer zu ziehen und von Heldentaten zu singen, erzählt der Film. Die Lieder des Bänkelsangs, der erst im 17. Jahrhundert aufkam, kündeten von Begebenheiten, die sich tatsächlich zugetragen hatten. In Versform machten sie sich im wahrsten Sinne des Wortes einen Reim auf die Wirklichkeit – und so ist auch Rose, der Film, eine höchst kunstvolle Moritat.
* ist Filmkritikerin und -essayistin aus München.
Sollten wir Menschen wirklich dafür bestrafen, wer sie sind und dass sie frei sein wollen?
Sandra Hüller
„Rose ist keine Revolutionärin“
Markus Schleinzer über sein Historiendrama mit Sandra Hüller
Zur Person: Markus Schleinzer, geboren 1971 in Wien, begann seine Filmkarriere als Castingdirektor bei Michael Haneke. Rose ist nach Michael (2011) und Angelo (2018) sein dritter Spielfilm.
Markus Schleinzers Rose ist auf Erfolgskurs. Das liegt nicht nur daran, dass das im 17. Jahrhundert angesiedelte Drama um eine Frau, die eine Männerrolle annimmt, mit Sandra Hüller besetzt ist. Hüller ist derzeit der Starexport des deutschen Kinos und in Rose neben der Newcomerin Caro Braun zu sehen, die ihre (anfangs getäuschte) Ehefrau spielt. Beide glänzen in Schleinzers brillant geschriebenem drittem Spielfilm, der nicht nur das Publikum auf der Berlinale bewegte, sondern nun in die große Welt hinausstrahlt.
STANDARD: Das Leben, das Rose als Mann für sich in Anspruch nimmt, zeigen Sie als individualistisches Streben nach Freiheit und Anerkennung innerhalb einer Gemeinschaft. Sie erzählen weniger die Geschichte einer revolutionären queeren Liebe. Weshalb?
Schleinzer: Rose ist eine Geschichte über Selbstermächtigung, aber Rose ist keine Revolutionärin. Sie ist eine Unternehmerin, eine Ich-AG. Das, was sie anstrebt, ist eine Norm. Wenn du als Frau in diesem Jahrhundert in die Hose steigst, kannst du nur durch Unsichtbarkeit Erfolg haben. Ob Rose oder Suzanna queer sind, das überlasse ich den Figuren, die haben auch Geheimnisse.
STANDARD: Als Titelfigur hatten Sie von Beginn an Sandra Hüller im Kopf. Geht Ihnen das immer so?
Schleinzer: In meinen 17 Jahren als Castingdirektor habe ich ab und an Aufgabenstellungen gehabt, wo ich mich gefragt habe: Welche Person kann all diese Fähigkeiten in sich vereinen? Und wenn man heutzutage eine sehr diffizile und vielschichtige Frauenfigur schreibt und besetzen möchte, führt kein Weg an Sandra vorbei. Da war es ein unheimlicher Glücksfall für das Projekt, dass sie hineingestiegen ist in die Hose, und in Rose.
STANDARD: Ich habe gehört, am Set wurde viel diskutiert. Worüber?
Schleinzer: Wir haben zuerst den Teil gedreht, in dem Rose alles gelingt. Es war Sommer, grün und schön. Dann war Sandra bei Ryan Gosling für Project Hail Mary, und als sie zurückkam, war Trump wiedergewählt, und wir haben begonnen, den schwierigen Teil zu drehen. Das war für uns alle hart, vor allem aber für Sandra, denn plötzlich waren die Beschneidungen der Frauenrechte wieder Thema, insbesondere das Abtreibungsgesetz. Als Frau bist du von all dem noch mal persönlicher angegriffen. Da war es unheimlich schwer, in den zweiten Handlungsstrang hineinzugehen, in dem es um Roses Prozess geht.
STANDARD: Warum entlassen Sie Ihr Publikum am Ende denn nicht mit einem Hoffnungsschimmer?
Schleinzer: Weil das nicht meinem Weltbild entspricht. Wenn ich Bücher lese oder mir Filme ansehe, die ein vermeintliches Happy End haben, dann mobilisiere ich mich nicht. Ich wünsche mir, dass Erlösung etwas ist, das wir im Alltag, im Zusammenleben erfahren und weniger auf der Leinwand. In dem Moment, wo im Leben Übereinkunft über etwas besteht, muss man keine Filme mehr darüber machen. (Interview: Valerie Dirk, 18.4.2026)
Vollständiges Interview hier: Markus Schleinzer über sein Historiendrama: "Rose ist keine Revolutionärin"













