Rotzbub - Der Deix Film
Beim Wirten in Siegheilkirchen sitzt ein Rotzbub und zeichnet die nackerte Fleischhauerin. Die Bilder erregen den ganzen Ort, der Rotzbub heißt Manfred Deix und hat Talent. Doch Maler braucht so eine Kleinstadt im Österreich der 1960er vor allem zum Überpinseln ihrer braunen Flecken. Zum Glück gibt es das Espresso Jessy, das Bier und den Rock`n ́Roll. Eines schönen Tages kommen die Roma in den Ort und mit ihnen die furchtlose Mariolina. Endlich gibt es in Siegheilkirchen wirklich etwas zu zeichnen. Aber den Ewiggestrigen im Dorf ist das Fremde natürlich ein Dorn im Auge und sie basteln schon an einer Bombe.
Ein saftiger Animationsfilm inspiriert von Manfred Deix, über die Pubertät der Republik, mit hochkarätigen Stimmen und abgefeimt treffsicheren Figuren.
Mit den Stimmen von: Markus Freistätter, Gerti Drassl, Mario Canedo, Maurice Ernst, Roland Düringer, Erwin Steinhauer, Katharina Straßer, Adele Neuhauser, Susi Stach, Gregor Seberg, Branko Samarovski, Thomas Stipsits, Karl Fischer, Ulrike Beimpold, Wolfgang Böck, Armin Assinger, Juergen Maurer
ÜBER DEN FILM

Duttln und Beach Boys
„Rotzbub“ ist ein Deixfilm voller Deixfiguren
Jakob Thaller*
In Österreich, da ist man sich traditionell grundsätzlich uneinig. Bei all dem politischen Wahnsinn, der die Republik prägt, hört man aber immer wieder Stimmen, die das Gleiche sagen: Da fehlt jetzt der Deix. Wie kein anderer schaffte es der größte Beach-Boys-Fan des Landes nämlich, die Österreicher von ihrer hässlichsten Seite zu zeigen. Lächerlich karikiert, adipös, mit hellrosa aufgedunsener Haut und übergroßen Duttln, dafür winzigen Zumpferln, die Kleidung gesprenkelt von Ejakulationsflecken und braunen Bremsspuren. 2016 starb der Großmeister des Grindigseins nach schwerer Krankheit und riss ein Loch in die Republik, das seitdem am ehesten noch von Stefanie Sargnagel gefüllt wird. Am Animationsfilm Rotzbub – der sich seit 2013 in Entwicklung befand, aber erst 2021 in die Kinos kam – arbeitete Manfred Deix zu Lebzeiten noch mit. Mit lauter Deixfiguren (ein Begriff, der es sogar zu einem Eintrag in den Duden geschafft hat) wird dar in eine Geschichte erzählt, die der Lebensgeschichte des Schöpfers nicht unähnlich ist. Dass das ein Rotzbub ist, der da in der Nachkriegszeit im niederösterreichischen Kaff Siegheilkirchen geboren wird, ist bereits beim Durchschnei-den der Nabelschnur klar. Umgeben von Altnazis, die ihre Ideologie mehr oder weniger verstecken, entdeckt der Sohn des invaliden Dorfwirts im Schulalter sein Zeichentalent. Investiert wird dieses hauptsächlich in die Produktion von Duttl-Bildern, die dann auf dem Schulhof verkauft werden.
„‚Rotzbub‘ ist eine hingebungsvolle Huldigung an den vulgärsten aller Nonkonformisten, aber auch eine ziemliche Sauerei.“
Während der Rotzbub die großbusige Metzgersgehilfin zeichnet, verliebt er sich in das „Zigeuner“-Mädchen Mariolina, die Deix’ Ehefrau Marietta nachempfunden ist. Gleichzeitig entdeckt er im neu eröffneten Café Jessy, das der langhaarige Kiffer Poldi betreibt, so etwas wie eine linke Gegenkultur und seine anderen lebenslangen Passionen: Alkohol und Zigaretten (Zitat Deix: „Ich arbeite, zeichne, rauche, saufe“).
Gesprochen werden die aufwendig dreidimensional animierten Deixfiguren von bekannten Dialektbeherrschern wie Markus Freistätter (Rotzbub), Gerti Drassl (Mariolina) oder Roland Düringer (Poldi). Mit dabei sind außerdem noch Maurice Ernst von Bilderbuch, Adele Neuhauser oder auch Armin Assinger in seinem Grundberuf als Gendarm.
Hinter den eigenwilligen Animationen verbirgt sich eine fast schon rührende Geschichte, die dem titelgebenden Künstler wohl gefallen hätte. In Siegheilkirchen erlebt man nämlich die rülpsend raunenden Österreicher, wie Deix sie immer gezeichnet hatte. Überall wird Lulu gemacht und abgewurstet, während im Hintergrund liebevoll-grausliche Details wie Gaksi-Cola und Fritzls Bier versteckt sind.
Die braunen Flecken sind nicht nur auf der Hose, sondern ziehen sich durch die Gesellschaft. Nach 85 Minuten wird vor allem eines noch klarer: So einer wie Deix fehlt einfach. Rotzbub ist eine hingebungsvolle Huldigung an den vulgärsten aller Nonkonformisten, aber auch eine ziemliche Sauerei. Passt doch ganz gut zu Österreich.
*Ist Kulturredakteur beim STANDARD
Eine bissige und unterhaltsame Milieustudie österreichisch-bajuwarischer Provenienz.
DER STANDARD
„Triebzeichner“
Auch Manfred Deix war einmal jung – jetzt in 3D
Valerie Dirk
Manfred Deix trifft als Scharfschütze so gut wie Wilhelm Tell in seiner besten Zeit“, sagte Billy Wilder, der sich in den 1980er-Jahren gern österreichische Magazine in die USA schicken ließ. Aus seiner Hochachtung für Deix spricht auch die Erleichterung des NS-Vertriebenen darüber, dass sein Geburtsland trotz allem immer wieder scharfe Gesellschaftskritiker hervorbrachte, die gegen die Nachkriegsgemütlichkeit, die Opferthese, die Waldheims, Haiders und viele andere anzeichneten.
An der Konzeption des Stoffs über seine Teenagerjahre in den 1960er-Jahren im niederösterreichischen Böheimkirchen war der selbst ernannte „Triebzeichner“ noch beteiligt, doch da es sich um das erste abendfüllende Animationsprojekt Österreichs handelte, dauerte die Entwicklung. Dann verstarb 2016 der „Artdirector“ Deix, und Corona legte ab 2020 die Filmszene lahm. Rotzbub – Der Deix Film kam daher erst knapp zehn Jahre nach der ersten Förderzusage in die Kinos. Für den Rotzbub – oder Willkommen in Siegheilkirchen, wie er bei den deutschen Nachbarn plakativ heißt – wurde internationale Unterstützung ins Land geholt. Regie führten Marcus H. Rosenmüller (Wer früher stirbt ist länger tot) und der Animationsfilmregisseur Santiago López Jover. Für den Bayern Rosenmüller dürfte der Kulturschock angesichts der „Deixfiguren“ nicht so groß gewesen sein wie für Jover, den katholischen Familienvater aus Spanien.
Dennoch sprang Jover als Animationsdirektor ein und versetzte den Deixkosmos in seiner ganzen Leibespracht computeranimiert und dreidimensional in Bewegung. In den Animationen steckt viel Liebe, bisweilen sind sie richtig gut – etwa wenn der Filmheld verliebt zur Filmmusik durch den Ort schwebt. Durch die digitalen Effekte büßt der Film jedoch etwas von der aquarellierten Finesse der Deixbilder ein.
Der titelgebende Rotzbub im Film ist etwas mehr Rosenmüller-Lauser als Deix-Rotzbua. Er ist schüchtern, hilft seinem invaliden Vater im Gasthaus, langweilt sich im Unterricht, spechtelt der großbusigen Fleischhauergehilfin hinterher und fängt schließlich an zu zeichnen, was er hinter ihrem tiefausgeschnittenen Dirndl vermutet. Die Grauslichkeiten halten sich für hierzulande Sozialisierte in Grenzen, denn die Produktion zielt auf ein internationales Publikum ab, nicht nur auf die hartgesottenen Fans.
Eine Attraktion ist neben dem atmosphärischen Mid-Sixties- Soundtrack die Synchronisierung: Markus Freistätter betont die schüchterne Seite des Rotzbuben, seine Angebetete Mariolina (Deix’ Ehefrau Marietta nachmodelliert) wird frech von Gerti Drassl gesprochen. Deren verruchte Mutter ist Adele Neuhauser, Wolfgang Böck alias Trautmann leiht dem bösen Onkel sein Timbre.
In die Kinogeschichte wird der Deixfilm als erster österreichischer Animationsspielfilm auf jeden Fall eingehen. Nicht nur wegen der unverwechselbaren Deixfiguren, sondern auch, weil er eine bissige und unterhaltsame Milieustudie österreichisch-bajuwarischer Provenienz liefert.










