Safari
Der Österreichische Film
Edition#323

Safari

Ulrich Seidl /// 2016 /// Dokumentarfilm

90 min • Altersfreigabe: 12 • HD
Sprache: Deutsch
UTs: Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch

Afrika. In den Weiten der Wildnis, dort, wo es Buschböcke, Impalas, Zebras, Gnus und anderes Getier zu Tausenden gibt, machen sie Urlaub. Deutsche und österreichische Jagdtouristen fahren durch den Busch, sie liegen auf der Lauer, sie gehen auf die Pirsch. Dann schießen sie, weinen vor Aufregung und posieren vor ihren erlegten Tieren. Ein Urlaubsfilm über das Töten, ein Film über die menschliche Natur.

„Brilliantly composed, deeply upsetting.“ VARIETY

Besetzung  

Manfred Ellinger, Inge Ellinger, Marita Neemann u.v.m.

Regie  

Ulrich Seidl
Kamera  

Wolfgang Thaler, Jerzy Palacz
ProduzentInnen  

Ulrich Seidl

DVD Edition # 323

Safari (2016) - Dokumentarfilm | watchAUT Film

Agonie und Trophäe

Ulrich Seidls „Safari“ stellt grundsätzliche Frage

Bert Rebhandl*


Es steckt hinter vielen Sachen der Tod“, sagt ein österreichischer Großwildjäger, der im südlichen Afrika sein Waidmannsheil sucht. Der Satz könnte gut und gern auch als Überschrift über dem Gesamtwerk von Ulrich Seidl dienen. In Safari beobachtet er eine besondere Konstellation von Tödlichkeit: Menschen zielen auf Tiere, die sie durch Schüsse zu einem „Stück“ machen.

Von dem Stück (ein Zebra oder eine Giraffe zum Beispiel) wird dann ein Foto mit dem Schützen angefertigt, aus den schönen Teilen des Stücks wird eine Trophäe. Das Fleisch hingegen bekommen die schwarzen Hilfsarbeiter.

Warum machen Menschen so etwas? Die Antwort auf diese Frage führt in das Grundsätzliche, das Seidl auch Im Keller oder in Tierische Liebe oder auch in einem Spielfilm wie Paradies: Liebe gesucht hat: Der Mensch ist eine Kreatur, die von der Evolution an die Spitze einer Pyramide gesetzt wurde, auf der es einsam ist. Außerdem ist der Mensch da oben „überflüssig“, sagt ein Mann, der die Safaris ausrichtet, auf denen Touristen so tun können, als wäre die Welt noch in (der kolonialen) Ordnung.

Ganz ohne ethische Debatten kann man heute aber auch nicht mehr auf die Pirsch gehen. „Löwe geht gar nicht“, sagt Tina. „Ich hätt’ überhaupt kein Problem mit an Löwen“, sagt Manuel. Ein Streifengnu oder eine „Warzensau“ wäre auch „voll schön“ sagt Manfred, den Seidl draußen in der freien Wildbahn nicht antrifft. Manfred hält es lieber mit der Aussicht von einem Hochsitz, auf dem man auch zwischendurch ein Nickerchen machen kann.


„Für die Jäger ist das Tier ein Lebensmittel, für die Safari ist das Tier eine Ware, die mit einem Preisschild versehen ist.“


Dem „Stück“ wird noch zur Agonie gratuliert, bevor es für das Beweisfoto hergerichtet wird: „Guter Kämpfer, mein Freund.“ Auch das Projektil bekommt ein Kompliment: Eine „416er“ hat „tolle Arbeit“ geleistet. Im Wesentlichen folgt Seidl einer Wiener Familie (zwei Paare, zwei Generationen) durch die Savanne: Die Kamera befindet sich zumeist hinten im kleinen Pulk, man schaut der Jagdgesellschaft mehr oder weniger über die Schulter.

Die Landschaft könnte man aus einem der großen Dokumentarfilme der Geschichte kennen: In The Hunters von Robert Gardner sieht man Buschmänner, die eine Giraffe mit Giftpfeilen erlegen. Das verwundete Tier läuft noch tagelang, bevor es endlich zusammenbricht. Für die Jäger ist das Tier ein Lebensmittel, für die Safari ist das Tier eine Ware, die mit einem Preisschild versehen ist: 370 bis 450 Euro muss man für ein Warzenschwein bezahlen, je nachdem, wo es sich antreffen und abschießen lässt.

Die Zusammenhänge vor Ort kommen am Rand ins Bild. Safari zieht die Konsequenzen aus dem Befund, den der Betreiber der Jagdfarm stellt: „Die Natur ist weg im Prinzip.“ Was bleibt, ist ein spätes Kapitel aus dem großen Welttheater, das sich Zivilisation nennt.


*Lebt als Journalist, Autor und Übersetzer in Berlin.




Brilliantly composed, deeply upsetting.


VARIETY

Erstaunliche Beobachtung

Sascha Aumüller sprach mit Ulrich Seidl darüber, warum ihn Extreme interessieren.


ZUR PERSON: Ulrich Seidl wurde 1952 geboren, er ist ein mehrfach ausgezeichneter Regisseur, Autor und Produzent.


STANDARD: Haben Sie schon einmal eine Safari gemacht?

Seidl: Nein! Oder doch: eine Fotosafari in Kenia.

STANDARD: Deshalb die Frage. Auf Arabisch oder Swahili bedeutet das Wort bloß „Reise“, nicht „Jagdreise“. Glauben Sie, dass viele Menschen bei „Safari“ ans Jagen denken?

Seidl: Ich glaube gar nichts, das müsste man sich genauer anschauen. Ich bin jedenfalls noch nie auf die Jagd gegangen, nicht in Österreich und nicht in Afrika. Das interessiert mich nicht.

STANDARD: Aber Afrika interessiert Sie.

Seidl: Ja, filmisch habe ich Afrika vor allem durch meine Paradies-Trilogie kennengelernt, allerdings war ich vorher schon oft privat dort. Dieser Kontinent zeigt enorme Unterschiede zu unserem westlichen Leben, zu unserem ganzen Sein. Auf der einen Seite gibt es dort unglaubliche Schönheit, auf der anderen fürchterliche Grausamkeit.

STANDARD: Beruflich sind Sie wegen der Grausamkeiten dort?

Seidl: Beruflich hat es damit begonnen, dass ich einen Schauplatz für meine Sugarmamas im Zuge von Paradies: Liebe gesucht habe. Sugarmamas gibt es zwar auch in der Karibik, aber ich habe mich bewusst für Afrika entschieden, weil wir Europäer geschichtlich stärker mit diesem Kontinent verbunden sind. Und die Verhältnisse, die in Afrika herrschen, haben mit der Ausbeutung durch Europa zu tun.

STANDARD: In „Safari“ ist das gemeinsame Urlaubserlebnis das Töten von Tieren. Ist das nicht seltsam?

Seidl: Das war für mich tatsächlich eine erstaunliche Beobachtung beim Drehen: Über das Töten von Tieren kommen einander Menschen näher, Vater und Sohn, Mutter und Tochter. Man sieht ganz deutlich, wie diese gemeinsame Erfülltheit, diese Freude entsteht, indem man ein Tier tötet. Eine unerwartete, in seiner Dimension schreckliche Erkenntnis!

STANDARD: Aber in Wirklichkeit ist Jagdtourismus doch ein Nischenprogramm. Welche Relevanz hat das Thema?

Seidl: Ich weiß nicht, ob es wirklich eine Nische ist. In jedem Fall ist es ein Thema, das etwas über unsere Gesellschaft sagt. Im Extremen kann man Dinge einfach besser darstellen, die letztlich für uns alle gültig sind.

STANDARD: Hat das Argument, dass Jagdtouristen viel Geld im Land lassen, etwas für sich?

Seidl: Das ist reiner Blödsinn. Das Geld bekommt der Besitzer der Lodge, weil es sich um eine Gatterjagd handelt – es ist alles eingezäunt. Er ist auch Besitzer der Tiere und kann welche dazukaufen oder aufziehen.

STANDARD: Sie sagen aber auch nicht: „Das sind schon seltsame Typen, diese Urlaubsjäger.“

Seidl: Nein, diese Geschichte steht für uns alle. Es geht überhaupt nicht darum, einzelne Menschen auszustellen. Die Protagonisten sind immer beispielhaft für das Gesamte. Darum ging es mir auch beim Film Im Keller. Da werden viele Zuschauer gesagt haben: „Na und? Betrifft mich nicht, weil ich gar kein Nazi bin.“ Und trotzdem sagt es etwas über unsere Gesellschaft aus, weil diese Nazi-Keller existieren und viele andere in dem Dorf, in der Gemeinde davon wissen. Deren Wurschtigkeit ist das Interessante.



Trailer 2019 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"