Sargnagel - Der Film
Wir begleiten die Autorin bei Verwandtschaftsbesuchen, besuchen die Büros der Rufnummernauskunft, wo sie einst arbeitete und ihre legendären Facebook-Postings schrieb. Wir erleben sie mürrisch auf Lesereisen zwischen Amstetten und St. Valentin. Das Café Weidinger muss vorkommen, sonst ist ein Film über Stefanie Sargnagel nicht vollständig. Wir lernen ihren Verleger und ihren Lebensgefährten, der noch besser nix tun kann als Sargnagel selbst, kennen. Und Sargnagel-Fan Jan Böhmermann macht den Talking Head, den jede ordentliche Doku braucht. Ist das noch echt oder schon Fiktionalisierung? Muss man das Werk von der Autorin trennen? Who the hell cares. Angelehnt an die Bücher “Fitness” und “Statusmeldungen” mäandert der Stoff vergnüglich zwischen Beisl und Burnout, erzählt vom Shitstorm und den Konsequenzen, wenn man in Österreich zu Nazis Nazis sagt.
"SARGNAGEL – DER FILM ist eine Art Mockumentary, die einerseits doch recht wahrheitsgetreu von Stefanie Sargnagels Leben erzählt, andererseits von einem fiktivem Filmdreh, in dem Hilde Dalik unter der Regie von Michael Ostrowski in die Rolle von Stefanie Sargnagel schlüpfen soll.” (FM4)
Stefanie Sargnagel, Thomas Gratzer, Michael Ostrowski, Hilde Dalik, David Scheid, Alexander Jagsch, Voodoo Jürgens, Margarethe Tiesel, Christoph Krutzler, Claus Philipp, Veronica Kaup-Hasler u.v.m.
ÜBER DEN FILM

Reflexiver Vollwaschgang
„Sargnagel – der Film“ ist eine gelungene Mockumentary
Bert Rebhandl*
Bei manchen Leuten ist das Kino die Voraussetzung der Berühmtheit, bei anderen eher die Fortsetzung. Stefanie Sargnagel war schon vorher ein Phänomen, die sozialen Medien waren ihr Element, die Facebook-Statusmeldung ihre bevorzugte Äußerungsform.
Als „Mundl 2.0“ bekam sie schnell ein Image weg. Eine Frau, die witzig an Schmerzgrenzen geht (als sie die Pille absetzt, menstruiert sie „endlich wieder wie ein Kerl“). Popularität funktioniert anfangs gern als Hype, und einen Hype muss man ausnutzen.
Diesen Moment in einer Karriere nimmt sich Sargnagel – Der Film vor: Eine Kunstfigur sucht nach einer Darstellung, oder besser – es mischen sich jede Menge Leute ein, die ihren Senf dazugeben, dass Stefanie Sargnagel her aus-finden kann, „wie mein Leben im Film weitergeht“.
Eine klassische Doku wäre naheliegend, dazu zählt, dass ein Kamerateam die ganze Zeit alles aufnimmt, was die Autorin so tut, zum Beispiel eine verstopfte Abwasch so zu bereinigen, dass danach (auch) das Klo verstopft ist. Der Manager denkt aber weiter. Warum nicht einen richtigen Spielfilm machen, mit einer feschen Blondine (Hilde Dalik), die Stefanie Sargnagel spielt? Das rote Barett, ihr Markenzeichen, passt in jedem Fall gut, und ein junger Regisseur kann sich endlich so richtig filmisch ausleben. Das geht dann doch schon deutlich in Richtung Satire.
„Die Kunst besteht dabei darin, die Peinlichkeit immer wieder gerade noch so einzufangen, dass sie nicht zu einer Belastung wird.“
Es mangelt nicht an Metaebenen in Sargnagel – Der Film von Sabine Hiebler und Gerhard Ertl (als Hiebler/Ertl waren sie viele Jahre eine Marke im österreichischen Experimentalfilm, bevor sie sich dem abendfüllenden Spielfilm zuwandten). Im Stile einer Mockumentary nähern sie sich einer Figur, die sowieso immer schon vielschichtig war, und schicken sie durch einen reflexiven Vollwaschgang.
Die Kunst besteht dabei darin, die Peinlichkeit immer wieder gerade noch so einzufangen, dass sie nicht zu einer Belastung wird. Die „richtige“ Stefanie Sargnagel hängt nämlich lieber bei einem Bier im Weidinger oder im Schmauswaberl herum, als für den deutschen Verlag das Lesereisen-Starlet zu geben, das in deprimierenden Hotelzimmern die Antidepressiva knallen lässt. Das dringend erwartete Buchmanuskript gibt sie als Zettelsammlung im Plastiksackerl ab.
Jede Menge Prominenz (von Voodoo Jürgens und Michael Ostrowski bis zu Kulturpolitikerin Veronica Kaup-Hasler als Gemeindebau-Fegerin) lässt Sargnagel – Der Film zu einem Insiderschmäh werden, der aber bis nach Deutschland anschlussfähig ist (selbst Jan Böhmermann taucht mit einer Wortspende auf).
Ob Stefanie Sargnagel nun in ihrem Film sie selbst ist oder sich selbst spielt, ob sie „drübersteht“ oder drunter, ob sie „authentischer ist als das Original“, das muss das Publikum entscheiden, das damit eine vergnügliche Aufgabe bekommt.
*Ist freier Filmkritiker. Er schreibt für den Standard, die FAZ, tipBerlin u. v. a.
Wiener Schmäh mit Hirn
WIENER ZEITUNG
Befreiendes Lachen
Stefanie Sargnagel spricht mit Dominik Kamalzadeh über Humor, Hass und Bier.
ZUR PERSON: Stefanie Sargnagel (bürg. Sprengnagel) ist eine österreichische Autorin und Cartoonistin.
Standard: In Ihrem Buch „Binge Living“ haben Sie notiert, dass Sie dringend ein Drehbuch für Ihr Leben brauchen. Jetzt haben Sie sogar einen Film.
Sargnagel: Da war ich noch viel jünger und chaotischer. Mittlerweile ist das Drehbuch durch den Arbeitsdruck, unter dem ich stehe, eh vorhanden.
Standard: Dass Sie sich selber spielen, war gar nicht geplant?
Sargnagel: Nein, zuerst war es als Spielfilm gedacht, in dem ich vielleicht einen Cameo gehabt hätte. Die Idee wurde aber nicht gefördert. Dann wollte man mit mir eine Art Mockumentary probieren. Ich habe gar nicht mehr daran geglaubt und leichtfertig zugesagt. Dann war ich schockiert, dass es umgesetzt wird.
Standard: Als Kunstfigur im Film wirken Sie schon fast wie eine zum Leben erweckte Comicfigur.
Sargnagel: Ich fühle mich auch in der Arbeitspraxis mehr als Stand-up Comedian oder als Comiczeichnerin. Da passiert es häufig, dass man eine Figur auf eigenen Erfahrungen aufbaut und überspitzt. Man performt eine Karikatur von sich selbst. Ich sperre mich auch nicht monatelang ein und schreibe ein Science-Fiction-Epos! Ich geh’ spazieren und mache Witze über die Sachen, die ich erlebe.
Standard: In einer Szene geben Sie Mädchen Unterricht in Sachen politisch korrekter Schimpfwörter. Kommt da Ihre aufklärerische Seite durch?
Sargnagel: Fäkalhumor war immer eine Männerdomäne. Jetzt machen das halt auch Kabarettistinnen. Da heißt es dann gleich, das sei feministisch, aber es ist eigentlich noch derselbe Humor. Außerdem find ich es lustig. Ich mag derbe Sprache und Rap. Und eben politische Inkorrektheit, ohne inkorrekt gegen Minderheiten zu sein. Die Szene fand ich lustig, weil die Jugendlichen überhaupt nicht gelacht haben.
Standard: Wie wichtig ist es Ihnen, schamlos zu sein?
Sargnagel: Das hängt eng mit den Tabus zusammen. Wenn man bedenkt, wofür sich Frauen vor 50 Jahren noch geniert haben! Deswegen ist es befreiend, wenn man über solche Sachen lachen kann. Man kann die Dinge mit Humor gut entspannen – und alles mit Spannung eignet sich für Humor.
Standard: Wie erklären Sie sich, dass das so viele aufregt?
Sargnagel: Ich war selbst überrascht. Anfangs wollte ich nur Witze machen, das haben meine Hipster-Freunde in den sozialen Medien gelesen. Als plötzlich der Mainstream kam, habe ich erst bemerkt, dass sich die Leute von jedem Scheiß provozieren lassen.
Standard: Erschrickt man da nicht?
Sargnagel: Ich war eher verwundert. Ich bin mit Manfred-Deix-Büchern aufgewachsen, da gibt es Witze, die zehnmal härter sind. Oder Nöstlinger-Gedichte aus den 1970ern, die lustig von Kindstod erzählen. Normaler österreichischer Humor.
Standard: Der aber in Ihrem Fall nicht klein beigibt.
Sargnagel: Vieles war geschlechterspezifisch. Eine Frau, die Raum einnimmt und nicht in erster Linie gefallen will, das provoziert immer noch extrem. Jemand hat mir einmal geschrieben, ich würde mir männliche Gesten aneignen und Dosenbier trinken. Ich bin in einer Subkultur aufgewachsen, in der jede Frau Dosenbier trinkt!










