She did it her way
Der Österreichische Film
Edition#319

She did it her way

Maria Lassnig, Valie Export u.a. /// 1971-2017 /// Kurzfilme

75 min • Altersfreigabe: 0 • SD
Sprache: Deutsch

Befreiungsschläge gegen traditionelle Weiblichkeitsbilder; Alltagsbeobachtungen, rigider Formwille und — die pure Freude am bewegten Bild, Licht und Ton. SHE DID IT HER WAY: eine Auswahl von experimentellen Arbeiten österreichischer Filmemacherinnen, die über Generationen hinweg Kinogeschichte geschrieben haben und weiter schreiben.

„Bühne frei für feministische Filmkunst: Diese Kompilation ist nur ein Auftakt zu fortgesetzter Auseinandersetzung mit dem weiblichen Filmschaffen in Österreich.“ CLAUS PHILIPP

Besetzung  

Irmilin Hofer, Ashley Hans Scheirl, Ursula Pürrer u.v.m.

Regie  

Maria Lassnig, Valie Export and more
Stab  

  • MARIA LASSNIG: Selfportrait (1971, 5 min)
  • VALIE EXPORT: Syntagma (1984, 20 min)
  • ASHLEY HANS SCHEIRL, URSULA PÜRRER: Super-8 Girl Games (1985, 3 min)
  • LINDA CHRISTANELL: Carrousel deux (2000, 7 min)
  • KATRINA DASCHNER: Hafenperlen (2008, 12 min)
  • SABINE MARTE: b-star, untötbar! (2009, 7 min)
  • CAROLA DERTNIG: …a car… (2010, 8 min)
  • KURDWIN AYUB: Sommerurlaub (Vaginale VII) (2011, 3 min)
  • KARIN BERGER: O! FORTUNA! work in progress I-VI (2017, 12 min)


EIN PROGRAMM VON BRIGITTA BURGER-UTZER, SIXPACKFILM

Produktion  

In Zusammenarbeit mit Sixpackfilm

DVD Edition # 319

She did it her way (2017) - Avantgarde | watchAUT Film

Slapstick, Sluts ...

Feministische Kurzfilme: „She dit it her way“

Claudia Slanar*


Eine der wichtigsten Errungenschaften der feministischen Debatten war die Konzeptualisierung des Körpers als diskursiv produzierter. So konnte die oft postulierte „Natürlichkeit“ des weiblichen Körpers dekonstruiert und als wandelbar und performativ verstanden werden. Trotzdem oder gerade deswegen stand und steht der Körper in all seiner Brüchigkeit immer noch im Zentrum feministischer Untersuchungen, oder wie es in Valie Exports Syntagma (1984) so simpel heißt: „Der Körper nimmt eine Position zwischen mir und der Welt ein.“

Sie zitiert aus dem 1960 verfassten Buch Das geteilte Selbst des Psychiaters Ronald D. Laing und zeigt eine Frau, die niemals eins mit sich selbst ist, sondern nur als Bild, als mediatisiertes Selbst existiert. Sie ist in den Überwachungsmonitoren der U-Bahn zu sehen, in den Rückspiegeln parkender Autos, in Bildern, die sich vermehrt splitten. Bei Export tritt zur Frage nach der Repräsentation eines weiblichen Subjekts ein medienreflexiver Ansatz hinzu, der die symbolische Ordnung der Sprache umfasst. Sie ist „nur“ ein Zeichen, ein Phantom, ein Geist in fremden Bildern.

25 Jahre später kann die Performance- und Videokünstlerin Sabine Marte diesen zugewiesenen Raum verlassen. In b-star, untötbar! (2009) löst sie die Grenzen zwischen realem und filmischem Raum in einem Setting auf, das einem Low-Budget-Horrorfilm entlehnt scheint: ein Dachboden, eine geblümte Couch und darauf Marte selbst, die die Betrachter mit starrem Blick ansieht. Plötzlich bewegt sich die Couch, fährt mit der Protagonistin durch den Raum, während auf der Tonebene Störgeräusche die Szene noch unheimlicher machen. Im Text aus dem Off geht es schließlich um das „Durchbrechen“, um das erwähnte Ausbrechen der Protagonistin aus dem Material, dem Bild, der Repräsentation.


„Die Zusammenstellung präsentiert nicht nur Arbeiten, die Formen der Repräsentation infrage stellen, sie geht auch historischen Verbindungslinien nach.“


Die Zusammenstellung von She did it her way präsentiert nicht nur Arbeiten, die herrschende Formen der Repräsentation infrage stellen, sie geht dabei ebenso historischen Verbindungslinien im österreichischen experimentellen Film- und Videoschaffen nach. Beginnend mit Selfportrait (1971) der vor allem als Malerin bekannten Maria Lassnig lässt sich dieses auch aus der Perspektive der Animation betrachten. Mit comicartigen Zeichnungen reflektiert sie ihr künstlerisches Werden, ihre Schwächen, Träume und Wünsche. Die Methode erlaubt der Künstlerin, ihr Gesicht ununterbrochen zu morphen, während sie aus dem Off einen Monolog in schläfrigem, österreichisch gefärbtem Englisch spricht.

Ashley Hans Scheirl und Ursula Pürrer vermischen Realbild und Zeichnung. In der surreal bunten Szenerie von Super-8 Girl Games (1985) liefern sie sich superheldinnengleich ein Match mit animierten Pfeilen, die direkt auf den (vormals analogen) Filmstreifen gezeichnet wurden. Die Pfeile mutieren schließlich zum Heiligenschein, zur „Achselquelle“ oder zu Blickverstärkern. Die Nähe zu Cartoon oder Comic sowie Charakteren, die zwischen Superkräften und Lächerlichkeit schwanken, ist bei Scheirl und Pürrer nicht zu übersehen.


Bühne frei für feministische Filmkunst: Diese Kompilation ist nur ein Auftakt zu fortgesetzter Auseinandersetzung mit dem weiblichen Filmschaffen in Österreich.


CLAUS PHILIPP

... and Super-Heroines


Does Super-8 Girl Games anticipate the Riot Grrrl movement that emerged a decade later? In any case, it feels like an anarchic act of liberation that extends into the material itself. The material also plays a prominent role in Linda Christanell’s Carrousel deux (2000). The artist shows an old photograph of a couple embracing; the woman smiles blissfully as she enjoys the man’s kiss. Christanell sets the image rotating to Handel’s Water Music. The cliché of heterosexual love cannot be fulfilled; the record literally gets stuck.

Kitsch, pathos and emotion are also celebrated in Kurdwin Ayub’s Sommerurlaub (Vaginale VII) (2011). Here, self-presentation must be viewed in the context of a media landscape radically transformed by YouTube and Facebook. Ayub appears in an elaborately decorated wedding dress and lip-syncs to a 1966 song by soul singer Lorraine Ellison. In doing so, the artist plays with the cultural elements of her holiday destination as well as the conventions of pathos found in art-historical and cinematic representations. Ayub’s performance oscillates between ironic distance and genuine seriousness as she recreates a heart-wrenching emotional state.


“In Ayub’s ‘Sommerurlaub’, self-presentation must be viewed in the context of a media landscape radically transformed by YouTube and Facebook.”


Reversals, disguises, role-playing: in Hafenperlen (2008), Katrina Daschner offers a queer reading of an Egyptian film from the 1940s in which the leading actress played a dual role as a belly dancer and a sailor who adores her. In the abstract staging of a harbour bar, the elegantly dressed “femme” directs not only desirous glances but also unmistakable gestures towards the stripper (both played by Daschner). Lesbian desire is made visible, and “visual pleasure” is indulged in, supported by a queer women’s chorus that frames the action.

Carola Dertnig, an artist who also works primarily with performance, explores familiar clichés about women and cars in … a car … (2010): dressed as a sexy, elegant woman in a family-friendly mid-range car, she scrapes against the walls of a narrow parking garage entrance, struggles with the fuel nozzle while filling up and has to deal with a detached bumper. She takes it all in her stride with nonchalant composure, making the scenes appear all the more comical.

The everyday life of a single mother is the subject of Karin Berger’s work. In O! Fortuna! work in progress I–VI (2017), she compiles 20 years of her life: from doing the laundry and warming bottles for her baby to text messages from her teenage daughter and, eventually, her daughter moving out of their shared apartment. Here, too, the humour arises from repetition, such as sequences of images showing laundry hanging on the line. Berger humorously reflects on the expectations placed on mothers, moments of happiness (a sleeping child) and the conflict between artistic work and raising a child. Yet this, too, is only one facet of a woman’s life, as this compilation demonstrates.

 

*Curator and author, lives in Vienna.



Trailer 2019 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"