Sie ist der andere Blick
Der Österreichische Film
Edition#351

Sie ist der andere Blick

Christiana Perschon /// 2018 /// Avantgarde

86 min • Altersfreigabe: 6 • HD
Sprache: Deutsch
UTs: Englisch

Sehen kann durch den Blick der anderen zu einer Begegnung werden. Stumme 16 mm-Sequenzen, in denen die junge Künstlerin Iris Dostal Leinwände weiß grundiert, schaffen Projektionsflächen für Narration und Werk einer älteren Generation. SIE IST DER ANDERE BLICK ist eine Kollaboration mit Künstlerinnen, die in den 1970er-Jahren in der Wiener Kunstszene aktiv sind und sich in der Frauenbewegung engagieren. Treffpunkt für den Dialog mit Renate Bertlmann, Linda Christanell, Lore Heuermann, Karin Mack und Margot Pilz – alle zwischen 1936 und 1943 geboren – ist das Atelier der Filmemacherin: ein Dazwischen-Sehen, bei dem Gedanken über Selbstbestimmtheit im Werdegang der Künstlerinnen und Widerständigkeit gegen die vorherrschenden patriarchalen Gesellschaftsstrukturen geteilt werden. Die Kamera lotet als dazwischengeschobene Apparatur feinsinnige Formen aus, die frühere Werke in filmische Bilder transformiert und in Bewegung setzt.

„Ein fulminantes Porträt feministischer Kunstpionierinnen aus Wien.“ PROFIL

Besetzung  

Renate Bertlmann, Linda Christanell, Lore Heuermann, Karin Mack, Margot Pilz und Iris Dostal

Regie  

Christiana Perschon
Kamera  

Christiana Perschon
Schnitt  

Christiana Perschon

DVD Edition # 351

Sie ist der andere Blick (2018) - Avantgarde | watchAUT Film

Solidarische Verbindung

Alternative Porträts: „Sie ist der andere Blick“

Esther Buss*


Für einen Film, der schon im Titel eine blickökonomische Setzung vornimmt, wirkt Sie ist der andere Blick (2018) zunächst einmal programmatisch unterbeschäftigt. Christiana Perschons Dokumentarfilm über und mit fünf Vertreterinnen der feministischen Wiener Avantgarde beginnt als kurzes „sound piece“.

Zu Schwarzbild rattert, raschelt und klappert es, erst dann folgen stumme 16-mm-Aufnahmen eines Atelierraums in grobkörnigem Schwarz-Weiß. Während die Kamera einer Malerin beim Grundieren von Leinwänden folgt, erzählen Renate Bertlmann, Karin Mack, Linda Christanell, Margot Pilz und Lore Heuermann – inzwischen alle arriviert – aus dem Off über ihre Erfahrungen als beginnende Künstlerinnen, Studentinnen, Ehefrauen und Mütter Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahre: von Diskriminierungen und strukturellen Ausschlüssen im Hinblick auf Förderungen, Ankäufen und Ausstellungsmöglichkeiten wie auch von den bald folgenden „privaten“ Aus- und Aufbrüchen und künstlerischen Initiativen.

Dass die verschiedenen Sprecherinnenpositionen zumindest beim erstmaligen Schauen kaum zuzuordnen sind und sich stattdessen zu einer mehrstimmigen Oral History fügen, gehört ebenso zu Perschons Konzept wie das Wechselverhältnis von Voice-over, stummem Bild und Geräuschen.

Sie ist der andere Blick ist bei aller Würdigung der subjektiven Erfahrungen und von künstlerischen Handschriften vor allem auch eine kollektive Erzählung. 


„Jede der Künstlerinnen gestaltet im Dialog mit der Filmemacherin eine Art ‚set piece‘, Methoden der feministischen Kunstproduktion der 1970er-Jahre.“


Perschon hat die Künstlerinnen, darunter auch Iris Dostal, die die Leinwände bearbeitet, in ihr Atelier eingeladen, um dort etwas zu „machen“. Das Atelier – üblicherweise ein Ort des stillen Vor-sich-Hinarbeitens oder, im Gegenteil, ein Raum, in dem vielversprechende Deals gemacht werden – öffnet sich zum ergebnisoffenen Setting.

Jede der Künstlerinnen gestaltet im Dialog mit der Filmemacherin eine Art „set piece“, Methoden der feministischen Kunstproduktion der 1970er-Jahre wie serielle Schwarz-Weiß-Fotografie, Selbstauslöser und Super-8-Film werden dabei ebenso aufgenommen wie Aspekte von Porträtfilm, Werkvortrag oder auch Performance.

Ob nun Renate Bertlmann über ihre zu brustförmigen Gebilden aufgeblasenen Kondome spricht, Lore Heuermann sich zwischen kalligrafisch anmutenden Papierbahnen bewegt oder Linda Christanell gefundene Objekte zu erzählerischen Vignetten arrangiert: Mit jeder Künstlerin nimmt der Film zugleich eine andere Form an.

Wobei die Verbindungen auch hier offen und solidarisch bleiben – weder Christiana Perschon noch den beteiligten sechs Künstlerinnen geht es um die Konsolidierung der eigenen Signatur.

Sie ist der andere Blick ist auch in diesem Sinn ein Modell für ein „alternatives“ Porträt: Der Platz im Atelier wird weitergegeben wie ein Staffelstab.


*Lebt als Filmkritikerin und Autorin in Berlin.




Ein fulminantes Porträt feministischer Kunstpionierinnen aus Wien.


PROFIL

Druck auf Erneuerung

Reflexion und Praxis: „Sie ist der andere Blick“

Dominik Kamalzadeh


An den Schilderungen des Sexismus frappiert der Umstand, um wie viel unverblümter als heute sich dieser gab. Christiana Perschon hat die Rückblicke auf Diskriminierungen an den Anfang des Films gestellt. Die Stimmen der Frauen sind abwechselnd aus dem Off zu hören, während Schwarz-Weiß-Bilder eines flackernden 16-mm-Films eine dabei zeigen, wie sie in einem Atelier Leinwände mit weißer Farbe bepinselt.

Perschon erschafft mithin einen Resonanzraum für ein Kollektiv von Frauen. Bevor man die einzelnen Personen kennenlernt, erfährt man von den Widerständen, mit denen sie alle konfrontiert waren. Ähnlich wie die Malerin ihre Leinwand grundiert der Film damit eine Fläche. Die einzelnen Kunststrategien zeichnen sich darauf hernach klarer ab.

Damit ist bereits eine der großen Qualitäten von Sie ist der andere Blick benannt: Als Porträtfilm begnügt er sich nicht damit, seine Protagonistinnen in Wort und Bild festzuhalten. Er begreift die Vermittlung von Kunst selbst als ästhetische Herausforderung. Perschon bezeichnet ihren Film als Kollaboration, weil sie mit dem durchgehend in Weißtönen gehaltenen Atelier einen Rahmen vorgab.

Den Künstlerinnen stand frei, wie sie dort auf ihre jeweiligen Praktiken näher eingehen wollten. Das Resultat ist weit mehr als eine Ausstellung in Bildern, die um den weiblichen Blick kreist. Die Bildausschnitte der Kamera, der sehr überlegt gesetzte Schnitt, die inneren Bezüge – mit all diesen Mitteln erstellt der Film seine eigenen Konfigurationen. Bei der Biennale-Teilnehmerin Renate Bertlmann wird etwa eine Schnur durch den Raum gespannt, die an eine Wäscheleine erinnert. Allerdings bauschen sich dann keine Hemden im Wind, sondern die Latexschürzen, die sie aus Schnullern gegossen hat. Gleichzeitig erfährt man von Bertlmanns lustvoller Beziehung zur Materialität ihrer Objekte und der Ausdauer, die es brauchte, um für ihren Zugang Anerkennung zu finden.

Reflexion und Praxis gehen miteinander Hand in Hand. Karin Mack zeigt ein Selbstporträt mit Haarnadeln, die Filmemacherin Linda Christanell demonstriert, über welche Bahnen ihre Faszination für Alltagsobjekte wie einen besonders klein geratenen Damenschuh in Collagen mündet. Mit jeder Künstlerin wechselt der Film seine Form und bleibt zugleich offen für Verbindungen. Besonders intensiv ist jene Passage, in der die Konzeptkünstlerin Margot Pilz ihr Gesicht bemalt und von der „weißen Zelle“ erzählt, einer Box für Experimente.

Es ist nicht der einzige Moment, in dem sich manifestiert, dass enge Begrenzungen den Druck für Erneuerung erhöhten. Nicht Sicherheit, sondern Freiheit sei ihr Ziel gewesen, erzählt Lore Heuermann, umringt von ihren Papierrollen. Perschon porträtiert mit ihrem Film Vorbilder, die zu einem eigenständigen, ja feministischen Ausdruck gefunden haben. Das schönste Kompliment macht sie ihnen damit, dass sie ihrer Maxime des Eigensinns folgt.



Kuratorin Brigitta Burger-Utzer über "Sie ist der andere Blick"

Trailer 2021 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"