Space Dogs
Die streunende Hündin Laika wurde als erstes Lebewesen ins All geschickt – und damit in den sicheren Tod. Einer Legende nach kehrte sie als Geist zur Erde zurück und streift seither durch die Straßen von Moskau. Laikas Spuren folgend und aus Perspektive der Hunde gedreht, begleitet SPACE DOGS die Abenteuer ihrer Nachfahren: zweier Straßenhunde im heutigen Moskau. Deren Geschichte handelt von inniger Gefolgschaft, unerbittlicher Brutalität und schließlich von ihrem Blick auf uns Menschen. Verwoben mit bisher unveröffentlichtem Filmmaterial aus der Ära der sowjetischen Raumfahrt, formt sich eine magische Erzählung über die Moskauer Straßenhunde – vom Aufstieg in den Weltraum bis zum Leben am Erdboden.
„Der Hund ist ein Geheimnisträger, der mit Leichtigkeit über die Abgründe der Zeit läuft.“ W.G. SEBALD
ÜBER DEN FILM

Planet der Hunde
„Space Dogs“ von Elsa Kremser und Levin Peter
Jens Balkenborg*
Ein Schnitt zwischen dem Kosmischen und dem Irdischen: Verwandelte sich in Kubricks Evergreen 2001 der von einem Affen hochgeworfene Knochen in ein Raumschiff, folgt auf das kosmische Wabern zu Beginn von Elsa Kremsers und Levin Peters Dokumentarfilm Space Dogs ein Straßenhund. Der Vierbeiner liegt gemütlich gelangweilt auf der Straße, die agile Kamera von Yunus Roy Imer ist auf seiner Höhe. Kopf hoch, wieder runter, ein Gähnen. Mit ihm und seinem ebenfalls namenlosen Hundekumpan streifen wir schließlich durch die Straßen Moskaus.
Space Dogs ist ein so wunderbar zurückhaltender wie philosophisch-tierischer Trip. Die beiden Hunde könnten, so spinnt es sich das österreichisch-deutsche Regieduo zusammen, ja die Nachfahren von Laika sein, dem ersten irdischen Lebewesen auf Weltraumflug. Die wohl berühmteste Hündin der Geschichte wurde von den Sowjets in den Moskauer Straßen aufgegabelt und 1957 im Rahmen der Sputnik-Mission in die Erdumlaufbahn geschossen. Ein Flug, den der arme Vierbeiner nicht überlebte, und einer Legende nach streift sein Geist durch die Straßen der russischen Hauptstadt.
Die Raumfahrt war eine gerade in den Anfängen sehr tierische Angelegenheit – davon berichtet der kauzige Off-Erzähler mit Hang zum Mythischen, während teils unveröffentlichtes Filmmaterial aus der sowjetischen Raumfahrt-Ära zu sehen ist.
„Ein Entdeckerfilm aus tierischer Sicht, der Abhängigkeiten und Beziehungen auslotet: zwischen Stadt und All, Hund und Mensch.“
Die Amerikaner schossen Schimpansen wie den traumatisiert zurückgekehrten Nr. 65 ins All, die Russen weitere Hunde. „So brach das kosmische Zeitalter endgültig über die Hunde dieser Stadt herein“, so der Erzähler. Die Aufnahmen von Hunden im All, die minutenlang in die Kamera blicken, haben, ist im Regiekommentar zu lesen, zur zentralen Frage des Films geführt: Was sehen die Hunde in uns Menschen?
Auch wenn sich dies nicht wirklich beantworten lässt, setzen Kremser und Peter alles daran, durch Hundeaugen auf die Menschen zu blicken. Die Moskauer Straßen erscheinen aus der nicht weiter kommentierten Perspektive der Vierbeiner wie ein schräger Planet: Überall singen die Alarmanlagen, wenn die beiden Streuner sich wieder einmal an parkenden Autos zu schaffen machen, einmal ist eine unfassbar schief singende Frau zu hören, als die Hunde vor einem Club ausharren. Zwischendurch schäkern sie im Gras miteinander, keifen sich an, der eine tötet brutal eine Katze. Die städtischen Impressionen werden mit Archivaufnahmen aus der Raumfahrt kontrastiert, etwa von Hunden in Zentrifugen.
Mit einem stimmungsvoll-sphärischen Soundtrack von John Gürtler und Jan Miserre und wunderbaren Bildern verbindet Space Dogs eine unfassbare Raumfahrtgeschichte mit einem urbanen Hundeporträt. Ein Entdeckerfilm aus tierischer Sicht, der Abhängigkeiten und Beziehungen in mehreren Dimensionen auslotet: zwischen Stadt und All, Hund und Mensch. Wau!
*Lebt als Filmkritiker in Frankfurt a. M.
Der Hund ist ein Geheimnisträger, der mit Leichtigkeit über die Abgründe der Zeit läuft.
W.G. SEBALD
Wildnis und Kosmos
Elsa Kremser und Levin Peter über „Space Dogs“
Dominik Kamalzadeh
Laika stand ganz am Anfang von Space Dogs, Elsa Kremsers und Levin Peters gattungssprengendem Film über Straßenhunde. Ihr Mythos führte das Regiepaar nach Moskau, wo die beiden die Fährte ihrer indirekten Nachkommen aufnahmen. „Es gibt dieses schöne Zitat von W. G. Sebald“, sagt Peter im Gespräch: „Der Hund ist ein Geheimnisträger, der mit Leichtigkeit über die Abgründe der Zeit läuft.“
Der Perspektivenwechsel führt nicht nur zu einem veränderten Blick. Vielmehr entsteht dabei ein neues Dispositiv, indem sich auch die Historie der Menschheit anders abbildet. Man könnte die gesamte Geschichte der russischen Neuzeit aus einer Hundeperspektive erzählen, meinen Kremser und Peter. Landeten viele nach der Oktoberrevolution auf den Straßen, so haben die Tiere mit Laika eine kurze symbolische Aufwertung erfahren. Ganze Fabriken wurden in der Sowjetunion von halbwilden Hunden bewacht, die nach dem Zerfall des Regimes plötzlich wieder auf sich allein gestellt waren.
„Uns wurde erzählt, sie hätten in Scharen nachts geheult, ganz erbärmlich. Ohne die Menschen, die sie fütterten, mussten sie wieder eine reine Hundezivilisation aufbauen.“ Eine Abordnung davon, eine Bande, haben sie nach mühevollem „Castingprozess“ aufgespürt und mehrere Monate lang begleitet. „Wir wollten eine Gang. Vorbilder waren US-Jugendfilme. Sie sollten genauso mitreißend sein in ihrer Coolness und Energie“, so Peter.
Die filmische Wahrnehmung orientiert sich völlig am hündischen Dasein, egal, ob es sich um zielloses Streunen handelt oder eine Begegnung von Tieren, die einander zugetan sind. „Am Anfang sind wir nicht hinterhergekommen. Irgendwann haben wir aber herausgefunden, wie wir antizipieren können, was als Nächstes passiert“, erzählt Kremser. „Die Hunde haben begonnen, auf uns zu warten. Wir sind zum Teil des Rudels geworden.“
Ein Professionalisierungsschritt der Tiere, auch wenn das Team im Film freilich unsichtbar bleibt. Ging es doch darum, die animalische, unberechenbare Seite zu wahren und nichts zu vermenschlichen. In einer der drastischsten Szenen von Space Dogs bekommt man dann auch zu sehen, wie einer der Protagonisten eine Katze totbeißt. Der Film beschränkt sich aber nicht auf diesen Naturalismus. Er bindet die hündischen Exkursionen zurück an die Geschichte Laikas, die mit einem ganzen Schatz aus Archivaufnahmen rekonstruiert wird.
So entsteht ein Paralleluniversum, in dem Laika den Status einer rätselhaften Legende hat. Wohin ist der Geist der Weltraumhündin entwischt? Schon das „Space Race“ sei vom Versuch getragen gewesen, die Wildnis, das All und den Kosmos kontrollierbar zu machen, sagt Kremser. „Beim Tier und beim All geht es um den Versuch, die Natur zu bändigen. Zugleich wird aus Laika ein Testobjekt für politische Propaganda – im erweiterten Sinn sogar für Popkultur.“












