Stillstand
Entleerte Räume, Rettungsversuche, Erklärungsmuster, Lernprozesse – und vor allem Menschen, die unermüdlich daran arbeiten, die Grundversorgung aller sicherzustellen. STILLSTAND dokumentiert über zwei Jahre hinweg am Beispiel der Millionenstadt Wien die Krise: Mit Covid 19 trifft im Frühjahr 2020 eine globale Pandemie in nie da gewesener Wucht die Menschheit mit all ihren vermeintlichen Sicherheiten und scheinbar perfekten Routinen.
„Ein faszinierendes und notwendiges Zeitdokument, für das die Welt vielleicht noch gar nicht bereit ist.“ DER STANDARD
Norman Shetler, Peter Hacker, Ernst Molden u.v.m.
ÜBER DEN FILM

Clash der Zeitlichkeiten
Nikolas Geyrhalters Pandemie-Durchmessung „Stillstand“
Esther Buss*
Nach der Krise sind immer alle gescheiter und analysieren, was man hätte machen können“, erklärt die Chefärztin des Arbeiter-Samariter-Bunds Wien und nimmt damit eine Debatte vorweg, die noch gar nicht begonnen hat (aber unweigerlich stattfinden wird). Sie steht in der Halle des Messegeländes, wo im Fall eines Worst-Case-Szenarios gerade ein Corona-Notquartier eingerichtet wurde. In einer Parallelfahrt durchmisst die Kamera die mit leeren Kabinen und Betten bestückte Halle. Sie sieht aus wie ein Modell – oder ein Set für einen Sci-Fi-Film.
So vertraut einem die Bilder in Stillstand eigentlich sein müssten: Heute wirken sie schon wieder eigentümlich fern. Nur ein paar Jahre „nach der Krise“ kommt zu dem „Clash der Geschwindigkeiten“, den ein weiser Kinobesitzer diagnostiziert, ein Clash der Zeitlichkeiten hinzu.
Von März 2020 bis Dezember 2021, während der ersten drei Covid-19-Pandemie-Wellen, fängt Nikolaus Geyrhalter in Wien Szenen einer Gegenwart ein, die am folgenden Tag schon wieder überholt sein könnte: eine Straßenbahn, die, obgleich ohne Fahrgäste, geisterhaft jede Haltestation bedient, leere Parkplätze, verwaiste Flughafenterminals, Schwimmbäder, Produktionshallen, Straßen.
Aber auch im öffentlich erklärten Stillstand wird produziert und gemacht. Eine Maschine spuckt frisch gestanzte Mund-Nasen-Schutz-Masken aus, ein Flughafenmitarbeiter entlädt statt Rollkoffern nun in Kartonagen verpackte Hilfsgüter, Teststraßen werden aufgebaut, und in den Institutionen schaltet der Betrieb auf Zoom-Konferenzen um.
„So vertraut einem die Bilder in ,Stillstand‘ eigentlich sein müssten: Heute wirken sie schon wieder eigentümlich fern.“
Dass hinter den in den Nachrichten unablässig verkündeten Ziffern und Infektionskurven echtes Leid und Menschenleben stehen, zeigt Geyrhalter auf programmatische Weise schon in der ersten Einstellung. Ein älterer Mensch benötigt die Hilfe einer Maschine, um atmen zu können.
Neben den eher distanzierten Einstellungen, die für Geyrhalters Signatur charakteristisch sind – statisch, zentralperspektivisch organisiert –, stehen persönliche Auskünfte. So ist Stillstand immer wieder auch ein fast klassischer Interviewfilm, in dem Menschen aus Politik, Bildung und dem Gesundheitswesen von ihren Erfahrungen erzählen, während die Pandemie ungerührt ihre Entwicklung nimmt.
Nach dem Lockdown ist vor dem Lockdown, und an die Stelle der anfänglichen Hoffnungen – Solidarität, ein geschärftes Bewusstsein für die ungleich gewaltigere Klimakatastrophe – treten nicht nur Ernüchterung und Erschöpfung, sondern auch ein sich auf den Straßen immer wütender artikulierender Protest.
Geyrhalters Film lässt sich als Zeitkapsel betrachten, doch als Gegenwartsbetrachtung, die Zusammenhänge mitdenkt, weisen seine Fragen über den temporären Rahmen hinaus.
So ist Stillstand am Ende ebenso ein Film über das, was war, als auch darüber, was hätte sein können, damals und vielleicht auch heute.
*Ist Filmkritikerin und Autorin in Berlin.
Ein faszinierendes und notwendiges Zeitdokument, für das die Welt vielleicht noch gar nicht bereit ist.
DER STANDARD
Die neue Normalität
Ein faszinierendes Zeitdokument über die Covid-Lockdowns
Jakob Thaller
Von einem Tag auf den anderen war da nur mehr die Leere. Als die Welt im März 2020 beschlossen hat, stillzustehen, wagte sich der Dokumentarfilmer Nikolaus Geyrhalter als Gegenwartschronist trotzdem – oder gerade deswegen – nach draußen. Dorthin, wo damals kaum jemand war. In 137 langsamen Minuten dokumentiert er mit einem zentrierten, statischen Blick chronologisch die Pandemie.
Erster Lockdown: Solidarität mit den Mitmenschen, Ernst Molden spielt ein Balkonkonzert, und Unmengen an Schutzutensilien werden am menschenleeren Flughafen angeliefert. Man ist noch optimistisch.
In diesen seltsamen Zeiten wird es zur neuen Normalität, sich täglich Wattestäbchen tief in die Nase einzuführen, und der Desinfektionsmittelverbrauch steigt auf ein Allzeithoch an. Menschen trifft man keine. Wenn es bei einem einsamen Spaziergang dann doch einmal zu einer zufälligen Begegnung mit einem bekannten Gesicht kommen sollte, setzt Überforderung an der Stelle ein, wo sonst die sozial adäquate Begrüßung steht – seltsame Verrenkungen mit Ellenbogen und Fuß halten Einzug in den Alltag.
Geyrhalter zeichnet diese Zeiten präzise, fast schon minutiös nach, immer wieder unterbrochen von Interviewpassagen mit den Menschen, die trotz des Stillstands ihrer Arbeit umso intensiver nachgehen mussten. Eine Ärztin erzählt von Triage: Bei Überlastung müssen die Patienten mit den schlechtesten Überlebenschancen draußen bleiben. Das Krankenhauspersonal ist müde, die Lehrerinnen und Lehrer sind gestresst, und im Hintergrund laufen politische Prozesse ab, die notwendig sind, wenn man bei einer Millionenstadt wie Wien einfach die Stopptaste drückt.
„Auf Dauer ist es nicht gut, was da passiert“, sagt der Wiener Gesundheitsstadtrat Peter Hacker während einer Rauchpause auf dem Rathausbalkon. Ihn begleitet das Filmteam länger, man sieht ihn öfter rauchend. Sein Job ist gerade besonders stressig. Seufzend blickt er auf die gespenstisch stille Stadt hinunter, man hört die Vögel zirpen, so laut wie noch nie zuvor, sagt Hacker.
Er wünscht sich den Normalmodus zurück. Sogar die Autos und den Stau, der da um diese Uhrzeit eigentlich sein sollte. Dann geht es weiter zum nächsten Termin. Der Regisseur bemüht sich, ein differenziertes Bild nachzuzeichnen, auch die zusammengewürfelten Menschenmassen, die auf der Wiener Ringstraße gegen die Maßnahmen demonstrieren, bekommen ihren Platz. Geyrhalter macht trotzdem relativ deutlich, was er von ihnen hält.
Stillstand ist ein faszinierendes und notwendiges Zeitdokument, für das die Welt vielleicht noch gar nicht bereit ist. Zu tief sind die Gräben noch, die diese Krise in der Gesellschaft hinterlassen hat. In einer Szene diskutieren mehrere Jugendliche, ob sie eine Lost Generation sind. Man ist sich nicht einig. „Wie viele Erwachsene kennst du, die nicht lost sind?“, wirft ein Mädchen ein. Vielleicht ist es das, was die Pandemie zum Vor-schein gebracht hat: dass sowieso niemand wirklich weiß, was er tut.










