The Trouble With Being Born
Ein fantastischer, vielschichtig unbehaglicher Noir-Science-Fiction-Film, ausgezeichnet mit dem Großen Diagonale-Preis Spielfilm 2020: Elli ist ein Android und lebt bei einem Mann, den sie Papa nennt. Sie lassen sich durch den Sommer treiben, schwimmen tagsüber im Pool, und abends nimmt er sie mit ins Bett. Sie macht ihn glücklich, dazu ist sie da. Er hat sie nach einer Erinnerung erschaffen. Für sie ist es lediglich eine Programmierung, der sie folgt – eines Nachts tief in den Wald hinein, einem verblassenden Echo hinterher. Die Geschichte einer Maschine und der Geister, die wir alle in uns tragen. (DIAGONALE)
„Das Highlight aus der Berlinale Encounters-Reihe zeigt eine Filmemacherin, die schon mit ihrem zweiten Langfilm in viel riskantere Gefilde vorstößt, als es der Großteil des deutschsprachigen Filmschaffens vermag.“
HANNAH PILARCZYK, DER SPIEGEL
Lena Watson, Dominik Warta, Ingrid Burkhard, Jana McKinnon, Simon Hatzl u.v.m.
ÜBER DEN FILM

Echos der Vergangenheit
Sandra Wollners „The Trouble with Being Born“
Anke Leweke*
Sphärische Klänge, verzerrte Stimmen und die verschwommene dunkle Szenerie erzeugen eine diffuse Spannung. Der Sound geht in Vogelgezwitscher über, Bäume werden erkennbar. Ein Wald.
„Die Blätter sind schon abgefallen, obwohl noch Sommer ist, und du bist da und wartest auf mich“, sinniert eine Mädchenstimme aus dem Off, während die Kamera versucht, sich durchs Dickicht zu schlagen. Der Wald endet vor einem Pool, ein Mann (Dominik Warta) liegt auf einem Liegestuhl. Eben noch dachte man, der Film habe die Perspektive des Kindes übernommen. Doch tritt die etwa Zehnjährige von der Seite ins Bild. Wer also blickt durch das Objektiv, das sich den beiden nähert?
Tiefenscharf und kontrastreich sind die Einstellungen und entwickeln gerade in ihrer Überdeutlichkeit eine Bedrohlichkeit. Auch überbetont das Mädchen jeden seiner Sätze. Bei Mann und Kind handelt es sich wohl um Vater und Tochter. Sie scheinen sich selbst zu genügen.
Ihr Haus liegt abgelegen, ohne unmittelbare Nachbarn. Plötzlich rennt der Mann zum Pool, in dem die Kleine leblos treibt. Statt Wiederbelebungsversuchen folgt eine Neuprogrammierung. Elli entpuppt sich als Android. Und The Trouble with Being Born, der zweite Langfilm von Sandra Wollner, ist Traum und Albtraum, Science-Fiction und Erinnerungsthriller.
Vor Jahren ist die damals zehnjährige Tochter verschwunden.
„Elli entpuppt sich als Android. Und ‚The Trouble with Being Born‘ ist Traum und Albtraum, Science-Fiction und Erinnerungsthriller.“
Mit Elli hat sich der Vater in eine Welt der Illusionen, einer ewigen Gegenwart zurückgezogen. Elli speichert Details, Erzählungen, Erinnerungen, damit er ihre Künstlichkeit vergisst. Sie „erinnert“ sich an seinen Geruch von Zigaretten und Sonnenöl auf einer Ferienfahrt ans Meer. Während er ruhig neben ihr einschläft, starrt Elli mit offenen Augen an die Decke. Manchmal weint das künstliche Wesen mit dem wächsernen Gesicht in der Nacht, um seine Schutzinstinkte zu wecken.
Draußen im Wald scheinen noch weitere – vergessene oder verdrängte – Erinnerungen zu lauern. Elli folgt dem Echo der Vergangenheit, mitten in der Nacht wird sie von einem Autofahrer aufgelesen. Nun soll sie im Leben einer älteren Frau (Ingrid Burghard), die einsam in einem anonymen Hochhausblock lebt, eine Lücke schließen.
In Jungenkleidung ersetzt Elli den Bruder, der als Zehnjähriger bei einem Unfall ums Leben kam. Jahrzehnte später nimmt ein Trauma Gestalt an. Doch die Geister, die man ruft, haben vielleicht ein Eigenleben entwickelt.
Wieder und wieder ertappt man sich dabei, dass man eher mit Elli als mit den Hinterbliebenen fühlt. Wieder und wieder geraten die gespeicherten Erinnerungen in eine spannungsvolle Gemengelage. The Trouble with Being Born erzählt von Wiedergängerinnen und Wiedergängern.
Ist Familie nicht ein einziger Wiedergang?
*Lebt als Autorin und Filmkritikerin in Berlin.
Das Highlight aus der Berlinale Encounters-Reihe zeigt eine Filmemacherin, die schon mit ihrem zweiten Langfilm in viel riskantere Gefilde vorstößt, als es der Großteil des deutschsprachigen Filmschaffens vermag.
HANNAH PILARCZYK, DER SPIEGEL
Träume einer Festplatte
Virtuose Irritation: „The Trouble with Being Born“
Dominik Kamalzadeh
Als „uncanny valley“ bezeichnet man jenes Phänomen, das uns menschenähnliche Roboter unheimlicher erscheinen lässt als solche, die uns weniger gleichen. Die Filmemacherin Sandra Wollner macht sich dieses Prinzip in The Trouble with Being Born zunutze und kehrt die Perspektive zu einer Art „Anti-Pinocchio“ um. Wir befinden uns im Kopf eines jungen Mädchens, das mit seinem Vater einen Bungalow auf dem Land bewohnt. Es scheint seine Tochter zu sein. Schaut man genauer hin, erkennt man, wie künstlich ihr Gesicht wirkt, als würde eine Folie darüber liegen. Der kindliche Androide ist nur ein Ersatzobjekt.
Die 38-jährige Steirerin hat sich mit ihrem Abschlussfilm auf der Filmhochschule Ludwigsburg praktisch über Nacht als neues großes Talent nicht nur des heimischen Kinos etabliert. 2020 wurde der Film auf der Berlinale prämiert, kurz darauf gewann er den Hauptpreis der Diagonale. The Trouble with Being Born ist ein Film, der Wahrnehmungsmuster unterläuft und bewusst Unbehagen bereitet: Die Intimität zwischen Vater und Tochter befremdet, nicht zuletzt dann, wenn sie sich halb nackt an ihn schmiegt oder er ihr die Zunge reinigt.
Sind wir Zeugen eines inzestuösen Verhältnisses? Gilt dieses Tabu für ein Roboterkind überhaupt? Und welcher Erinnerung folgen wir, wenn wir durch den „Bewusstseinsstrom“ einer Festplatte navigieren? Von einem künstlichen Wesen und einer realistischen Welt zu erzählen, die einander gegenseitig abstoßen, sei eine ihrer zentralen Ideen gewesen, erzählt Wollner im Gespräch. „Die fortgeschrittene Gestik des Androiden ist der eigentliche Science-Fiction-Aspekt daran, anderes ist weniger gut entwickelt. Er entlarvt sich selbst.“
Wollner erinnert den Betrachter mit subtilen Abweichungen daran, dass er keinen Menschen vor sich hat. Und sie fragt danach, welche Differenz den Menschen erst zu einem solchen macht. Das Inzestthema war deshalb unumgänglich: „Es verdeutlicht, dass wir es mit einem Objekt zu tun haben, dem es völlig egal ist, wofür es verwendet wird.“ Sie selbst habe zu Sexrobotern keine abschließende Position: „Ich finde die Frage interessant, was wir als Gesellschaft zulassen wollen und was nicht.“
The Trouble with Being Born gleicht einer Kreisbewegung durch ein beschädigtes Programm. Der Androide durchwandert dabei unterschiedliche „geschlechtliche“ Identitäten – im zweiten Teil wird er zum Buben an der Seite von Ingrid Burghard, die eine einsame Frau im Gemeindebau spielt. „Der Genderwechsel war wichtig, um die arbiträren Schubladen zu verdeutlichen, die uns als Menschen beschreiben“, sagt Wollner dazu.
Man kann getrost sagen, dass diese Filmemacherin auf etwas Ungesehenes hinauswill. „Unser Körper kann sich erinnern, das ist etwas, was diesem Wesen fehlt.“ Innen und außen, sagt Wollner über ihren Film, sei hier dasselbe.












