Vera
Vera Gemma ist die Tochter des berühmten Italowestern-Darstellers Giuliano Gemma. Inspiriert von ihrem Leben, folgen Tizza Covi und Rainer Frimmel dieser Frau, die sich hier selbst spielt, zwischen oberflächlichem Star-Dasein und tiefer liegenden Sehnsüchten auf Schritt und Tritt. Als Vera nach einem Autounfall den dabei verletzten Sohn einer Arbeiterfamilie ins Herz schließt, entfaltet sich eine so faszinierende wie tragische Moralparabel, die einmal mehr versucht, das Reiche mit dem Armen, das Verlorene mit dem Gefundenen zu einen. Dass Widersprüche nicht nur zugelassen, sondern umarmt werden, offenbart den zärtlichen Humanismus des Films. (PATRICK HOLZAPFEL)
„Vera Gemma wird ein Star, weil sie eine Rolle übernimmt, von der sie im Spiel begreift, dass sie immer schon die ihre war.“ BERT REBHANDL, DER STANDARD
Vera Gemma, Daniel De Palma, Sebastian Dascalu, Walter Saabel, Annamaria Ciancamerla, Asia Argento u.v.m.
ÜBER DEN FILM

Eine eigene Geschichte
„Vera“ ist das fesselnde Porträt einer berühmten Tochter
Julia Pühringer*
Es sind die Randgestalten, die Tizza Covi und Rainer Frimmel immer schon interessiert haben, der kleine Zirkus, der durch die Dörfer tourt (Babooska), der Strizzi, der beim Heurigen Wienerlieder singt (Aufzeichnungen aus der Unterwelt). Die beiden kommen von der Fotografie her und sind mit ihren Bildern auf der Suche nach der Wahrheit, oder eben „einer Wahrheit“ (wie es so schön in Aufzeichnungen aus der Unterwelt heißt), der ihrer Protagonist:innen nämlich.
Da ist also Vera Gemma, die Tochter des legendären Italowesternhelden Giuliano Gemma. Covi und Frimmel haben sie kennengelernt und ihr eine Geschichte gegeben – inspiriert von Veras Geschichte, ihrem Hang zu Schönheit, Cowboyhüten, wilden Pelzmänteln, ihrer grenzenlosen Liebe zum Film und ihrem Hang, zu den falschen Leuten lieb zu sein. Was ist hier echt, was erfunden? Niemanden kümmert das.
Transpersonen sind Veras Schönheitsideal, der berühmte Vater „ein zweischneidiges Schwert“, so Gemma. „Ich glaube, dass Papa unsere Beziehung zu Männern ruiniert hat. Wie willst du einen Mann wie ihn finden? Unmöglich“, so Vera.
Sie sucht Nähe, Aufmerksamkeit und Zuneigung, wie alle Menschen. Doch beim Casting ist ihr vielfach operiertes Gesicht zu künstlich, und der jugendliche Liebhaber will über sie eigentlich nur den Kontakt zu Monica Bellucci, „das ist das letzte Mal, dass ich dich um einen Gefallen bitte“, sagt er, aber es wird nie das letzte Mal sein, dass jemand Vera um einen Gefallen bittet.
„Vera ist eine Liebeserklärung an das italienische Kino, das schon rein durch Veras Biografie ständig präsent ist.“
Vera fährt also mit ihrem entzückenden ältlichen Chauffeur Walter (Walter Saabel) durch Rom, es kommt zu einem Unfall, ein Bub ist verletzt. Vera kümmert sich, interessiert sich auch für den Vater (Daniel De Palma). Der ist in Wahrheit Versicherungsbetrüger (und im echten Leben Amateurboxer). Er sagt große Worte („Er ist mein Ein und Alles, ich lebe nur für ihn!“), wovon manche stimmen, und er will raus aus dieser kleinen Wohnung, raus aus diesem Viertel. Vera ist oft betrogen worden – und hat immer noch ein großes Herz.
Vera ist eine Geschichte aus der römischen Vorstadt, die Laienschauspieler:innen wurden in der Kirche und auf dem Fußballplatz gecastet, es ist eine Liebeserklärung an das italienische Kino, das schon rein durch Veras Biografie ständig präsent ist (oh, und wie sie diesen Monolog von Tony Montana aus Scarface hält!). Es ist ein Film, der von den armen Leuten erzählt, auch von den reichen, und dabei auf eine moralische Deutungshoheit verzichtet.
Covi und Frimmel wissen, die Sache ist kompliziert. Asia Argento, auch im echten Leben Veras beste Freundin, spielt sich selbst. Gemeinsam besuchen die berühmten Töchter das Grab von Goethes Sohn, auf dem sinngemäß „Hier liegt Goethes Sohn“ steht. Mit Vera hat die Protagonistin ihre eigene Geschichte bekommen – und deren Heldin ist sie, zweifelsohne.
*Ist Autorin für Tele, den Standard, den Falter u. v. a.
Vera Gemma wird ein Star, weil sie eine Rolle übernimmt, von der sie im Spiel begreift, dass sie immer schon die ihre war.
BERT REBHANDL, DER STANDARD
Der schöne Vater
Tizza Covis und Rainer Frimmels Dokufiktion „Vera“
Valerie Dirk
Vor 30 Jahren lernten sich Tizza Covi und Rainer Frimmel in der Fotoklasse der Graphischen in Wien kennen, kurz darauf begannen sie gemeinsam filmisch zu arbeiten. Ihr Interesse gilt den Randexistenzen, dem fahrenden Volk, den Unangepassten.
Der internationale Durchbruch kam 2009 mit La Pivellina, 2012 folgte Der Glanz des Tages, worin der ehemalige Burgschauspieler Philipp Hochmair auf Zirkusartist Walter Saabel trifft; 2016 dann Mister Universo über einen Löwenbändiger.
Mit der Dokumentation Aufzeichnungen aus der Unterwelt verließen Covi und Frimmel 2020 erstmals den Zirkus, um in die Wiener Strizzi-Welt der 1960er -Jahre einzutauchen, die aber ähnlich performativ und trickreich ist.
Vor den Tricksern muss sich auch Vera im gleichnamigen Film des Duos in Acht nehmen. Die Tochter des Italowestern-Beaus Giuliano Gemma, die sich in der Dokufiktion selbst spielt, besitzt den abgenutzten Glamour eines B-Movie-Stars: Sie lässt sich für Premieren fotografieren und besucht Castings, wo sie wegen ihres operierten Gesichts kaum Chancen hat.
Der Status des „Nepo-Babys“ – der Tochter eines Filmstars – lastet schwerer auf ihr als auf ihrer Freundin Asia Argento, mit der sie gemeinsam das Grab von Goethes Sohn besucht. „Was wird einmal auf unseren Grabsteinen stehen?“, fragen sie sich. „Die Tochter von ...?“
Veras Schwester ist davon weniger betroffen. Sie hat sich abseits des Showbiz ein einfaches Leben eingerichtet, doch auch sie schnappt beim Sichten alter Super-8-Aufnahmen nach Luft: „Mamma mia, wie schön doch unser Vater war! Wo finden wir nur so einen Mann?“ Zu sehen ist der Vater, der in Badehose am Strand posiert.
Auch Vera Gemmas eigenes Aussehen wurde, immer zu ihrem Nachteil, am Vater gemessen. Vielleicht ist ihr Schönheitsideal auch deshalb von Transfrauen inspiriert. Nun hat sie sich arrangiert mit ihrem künstlichen Gesicht und bewegt sich in hohen Schuhen und mit Cowboyhut wie in einer Uniform durch den Alltag. Und doch ist da immer der Wunsch, zu gefallen. Ihre größte Schwäche zieht Nutznießer förmlich an.
Eines Tages hat Vera mit ihrem Fahrer Walter (wieder Walter Saabel) einen Unfall. Walter kommt das nicht geheuer vor, Vera aber schließt Freundschaft mit dem Kind, seinem schwertätowierten Vater und der winzigen Nonna.
Die Familie hat Geldsorgen, lebt in einer kleinen Wohnung ohne fließendes Wasser. Vera hilft, trotz der Warnrufe Walters und ihrer Schwester, wo sie kann. Denn das ist es, was sie gerne tut.
Mit einer 16-mm-Analogfilmkamera begleiten Covi und Frimmel Vera auf dieser „voyage intime“ in eine ihr bis-lang unbekannte, aber ganz auf sie zu-geschnittene Rolle: die der Ersatzmutter. Dabei vergisst Vera ihre Obsessionen ein Stück weit, kommt sich selbst und dem einfachen Leben – sprichwörtlich – ein gutes Stück näher.












