Welcome to Sodom
Der Dokumentarfilm WELCOME TO SODOM lässt die Zuschauer hinter die Kulissen von Europas größter Müllhalde mitten in Afrika blicken und porträtiert die Verlierer der digitalen Revolution. Dabei stehen nicht die Mechanismen des illegalen Elektroschrotthandels im Vordergrund, sondern die Lebensumstände und Schicksale von Menschen, die am untersten Ende der globalen Wertschöpfungskette stehen. Die Müllhalde von Agbogbloshie wird höchstwahrscheinlich auch letzte Destination für die Tablets, Smartphones und Computer sein, die wir morgen kaufen.
„Dieser Wahnsinnsfilm ist der Kommentar zu Weltwirtschaft und Wohlstandsgefälle in spektakulären Bildern. Mehr Kino geht nicht.“ AMNESTY JOURNAL
Susanne Wolff, Gedion Odour Wekesa, Kelvin Mutuku Ndinda u.v.m.
ÜBER DEN FILM

Der Müll des Westens
Der Dokumentarfilm „Welcome to Sodom“
Bert Rebhandl*
Der Stadtteil Agbogbloshie in Accra, der Hauptstadt des westafrikanischen Staates Ghana, ist auf der elektronischen Weltkarte von Google als „digital dumping ground“ vermerkt. Hier landet der Müll, den die reichere Welt mit ihren Endgeräten produziert: Computer, Handys, Bildschirme, Kabel. Die Bewohner von Accra haben einen anderen Namen für diesen Ort: Sodom. Und so heißt Agbogbloshie auch in dem Dokumentarfilm von Christian Krönes und Florian Weigensamer.
Sodom ist ein Ort aus der Bibel, verbunden mit Gomorrha und einer Mythologie des Untergangs: Gott straft die beiden Städte, indem er Feuer auf sie regnen lässt. Das Feuer spielt auch eine zentrale Rolle auf der wilden Mülldeponie in Accra. Mit der Hilfe von Feuer werden die Rohstoffe aus den Kunststoffen geholt: Am Ende bleibt ein bisschen Kupfer über, wenn man einen Kabelsalat verbrennt. Der giftige Rauch steigt in die Luft, und dringt in die Körper der Menschen ein, die von dieser Arbeit leben.
Krönes und Weigensamer zeigen den Alltag in Agbogbloshie. Sie begleiten einen Jungen, der mit einem Magneten den Boden bearbeitet und winzige Metallteile herausholt. Schließlich hat er so viel beisammen, dass sich ein Gang zu der Waage lohnt, bei der ein Zwischenhändler wartet. Für 18 Kilogramm gibt es acht Cedis, später kann man das in etwa umrechnen, wenn man erfährt, dass ein großer Topf Bohnensuppe fünf Cedis kostet. Noch später ist zu erfahren, dass es mit dem Jungen eine besondere Bewandtnis hat – er hütet, wie so viele an diesem Ort, ein Geheimnis. Er will sich nicht als der zu erkennen geben, der er wirklich ist.
„Ein Ort, der so weit von Europa entfernt ist, dass man ihn sich kaum vorstellen könnte, der aber Teil unserer ‚Externalisierungsgesellschaft‘ ist.“
„Man muss ein Löwe sein, um in Sodom zu überleben“, sagt einer der Protagonisten. Krönes und Weigensamer zeigen in Andeutungen die Ökonomie, die aus der Müllverarbeitung hervorgeht. Sie zeigen auch die Kultur von Sodom: Rapper, Breakdancer, Performer. Sie zeigen die Individuen: einen stolzen Einzelgänger (er bezeichnet sich als schwulen Juden aus Gambia, liest William Shakespeare, und ist so etwas wie die Galionsfigur in Agbogbloshie), eine Witwe, die „reines Wasser“ verkauft, um ihrem Kind einen Schulbesuch ermöglichen zu können, zwischendurch einen kleinen Jungen, der mit einem Sieb die allerletzten übersehenen Reste an wertvollem Material sucht.
Apokalyptische Totalen strukturieren den Film. Beiläufig werden größere Zusammenhänge erkennbar: die radikale Homophobie in Ghana, die Träume von Europa, die Rolle des Islams, die Drogen, ohne die das Arbeiten „am Feuer“ nicht zu ertragen wäre.
Welcome to Sodom zeigt einen Ort, der von Europa aus so weit entfernt ist, dass man ihn sich kaum vorstellen könnte, der aber Teil unserer „Externalisierungsgesellschaft“ – so ein Begriff des Soziologen Stephan Lessenich – ist: Agbogbloshie ist ein Vorort von Daham (Daheim).
*Lebt als Journalist, Autor und Übersetzer in Berlin.
Dieser Wahnsinnsfilm ist der Kommentar zu Weltwirtschaft und Wohlstandsgefälle in spektakulären Bildern. Mehr Kino geht nicht.
AMNESTY JOURNAL
Verbrannte Erde
Apokalypse und Hoffnung: „Welcome to Sodom“
Julia Schilly
Wir sind die besten Recycler. Für die Europäer ist es nur Müll. Aber ich kann noch ein wenig Geld herausquetschen“, erzählt eine Stimme aus dem Off, während die Kamera über eine scheinbar endlose Landschaft aus Elektroschrott schwenkt. Die Menschen wissen, wie sie mit einfachsten Mitteln und ohne Schutz an die verwertbaren Rohstoffe wie Eisen, Aluminium und Kupfer kommen. Dazu werden die Geräte zertrümmert oder angezündet. Die Giftstoffe sind in der Luft, im Boden, im Wasser. Die Umweltschutzorganisation Blacksmith Institute erklärte Agbogbloshie 2013 zu einem der verseuchtesten Orte der Welt.
Rund 6000 Frauen, Männer und Kinder leben dort in Verschlägen aus Brettern und Wellblech. Sie selbst nennen diesen Ort „Sodom“. Die österreichischen Regisseure Florian Weigensamer und Christian Krönes zeigen in ihrer bildgewaltigen und eindrücklichen Dokumentation Welcome to Sodom die Schicksale jener Menschen, die dort am untersten Ende der globalen Wertschöpfungskette arbeiten.
Drei Monate hielt sich das Filmteam dafür in Agbogbloshie auf. „Dieser Ort ist in seiner Dimension weder in Bildern noch in Worten fassbar. Er vermittelt eine postapokalyptische Endzeitstimmung wie in einem Science-Fiction-Film, ist aber real“, sagt Christian Krönes dem STANDARD. „Wenn man den Menschen näherkommen möchte, kann man keine Atemschutzmaske tragen“, sagt Weigensamer.
Es dauerte, bis sich die Menschen öffneten, berichtet er: „Journalisten kommen meist nur für ein paar Tage, das reicht für eine spektakuläre Geschichte, und die Leute finden die Fotos dann im Internet und fühlen sich natürlich benutzt.“ Den zwei Filmemachern gelingt es, ohne stilisierte Bilder und ohne erhobenen Zeigefinger durch den Kosmos der Elektromüllhalde zu führen. Die Handlungsstränge werden ausschließlich von den Protagonisten selbst getragen. Kameramann Christian Kermer vermittelt mit langen Einstellungen ein Gefühl für die Weite Agbogbloshies.
Die vermeintliche Apokalypse entpuppt sich dabei als Ort der Hoffnung und Kreativität. Denn auch in Agbogbloshie beherrscht ein universelles Thema alles: der Wunsch nach einem besseren Leben, Frieden und der Kampf um die eigene Identität. Die Zuseher lernen einen ehemaligen Medizinstudenten kennen, der in Gambia wegen seiner Homosexualität verurteilt wurde und flüchtete.
Ein junger Arbeiter hat in einem Holzverschlag ein Tonstudio gebaut, in dem er in der Freizeit seine Rap-Songs aufnimmt. Ein junges Mädchen verkleidet sich als Bub, um mit einem Magneten nach Metallresten in der verbrannten Erde suchen zu dürfen. Diese Arbeit ist Männern vorbehalten. „Die Menschen dort brauchen kein Mitleid von uns, sie wollen ernst genommen werden“, sagen die Filmemacher. Welcome to Sodom solle vielmehr dazu anregen, das eigene Konsumverhalten zu überdenken.










