Wer hat Angst vor Braunau?
Warum wurde in Österreich noch nie ein Film über Hitlers Geburtsort und -haus gedreht? Diese Frage stellte sich der Regisseur Günter Schwaiger, als er 2018 mit der Arbeit an diesem Film begann. Kurz zuvor war das Haus von der Republik Österreich enteignet worden. Fünf Jahre lang begleitet der Regisseur die spannenden Entwicklungen rund um die Nachnutzung von Hitlers Geburtshaus mit einem ganz persönlichen Blick. Vom Hinterfragen des Klischees der „braunen Stadt“ bis hin zu überraschenden und empörenden Entdeckungen führt ihn schließlich sein Weg bis in die eigene Familiengeschichte.
„Eine tiefgründige Auseinandersetzung mit einer Stadt mit vielen ganz normalen Häusern. Und einem anderen.“ COLETTE M. SCHMIDT, DER STANDARD
Günter Schwaiger, Lea Olczak, Erwin Schwaiger, Annette Pommer u.v.m.
ÜBER DEN FILM

Braunauer Aufklärung
Günter Schwaigers Doku „Wer hat Angst vor Braunau?“
Marian Wilhelm*
Wir leben im Schatten der Vergangenheit.“ Dieses Motto stellt Günter Schwaiger seiner Doku über das sogenannte Hitler-Haus in Braunau voran. Einem Schatten entkommt man nicht, man kann nur Licht darauf werfen.
Genau das tut diese essayistische Spurensuche – und zwar über mehrere Jahre direkt vor Ort in der oberösterreichischen Geburtsstadt Adolf Hitlers. Zu Wort kommen darin unter anderem Nachbarn, die am Führergeburtstag schon einmal einen einzelnen Berliner Nazi-Touristen in die Flucht schlagen. Personen aus der Behinderteneinrichtung, die lange im Haus beheimatet war. Lokale Polizisten, Wiener Ministerialbeamte und eine Geschichtslehrerin mit ihrer Klasse, die den Bogen von der Vergangenheit bis in die Gegenwart spannt.
Sie alle beschäftigt die Frage der Nachnutzung, die seit der Enteignung des Gebäudes durch die Republik Österreich eine offizielle politische Angelegenheit geworden ist.
Das Innenministerium entschied sich nach heftigen Debatten für eine Polizeistation und eine „Neutralisierung“ des Orts. Doch so einfach lässt sich der historische Schatten nicht vertreiben. Zudem taucht im Zuge der Filmrecherche ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 1939 auf, der auf Hitlers Wunsch einer administrativen Nutzung verweist. Ausgerechnet diesem Wunsch nun gerecht zu werden, sei „eine Ironie der Geschichte“, meint der Historiker Florian Kotanko.
„Ein Mythos kann nicht einfach umgebaut werden. Deshalb ist sogar die Frage nach dem Bauschutt heikel ...“
Ein Mythos kann nicht einfach umgebaut werden. Deshalb ist sogar die Frage nach dem Bauschutt heikel und Gegenstand ministerialer Überlegungen.
Hier zeigt der Film die Absurdität, die sowohl in der Mystifizierung als auch in der Verdrängung liegt. Außerdem macht Schwaiger die Debatte rund um das Hitler-Haus zu einer grundsätzlichen über Erinnerungskultur und österreichische Täter- und Mitläufer-Geschichte. Das offizielle Österreich gedenkt derweil lieber auf sichere Weise an Orten wie dem oberösterreichischen Konzentrationslager Mauthausen, wo die Schuldfrage sich nicht mit dem Alltag einer Stadt verknüpft.
Mit Wer hat Angst vor Braunau? kehrt Günter Schwaiger nach mehreren Filmen zum Erbe des Faschismus in Spanien zurück nach Österreich. Es geht, wie der Untertitel des Films nahelegt, um „ein Haus und die Vergangenheit in uns“. Dabei gibt er keine einfachen Antworten, kombiniert seine Familiengeschichte mit den aktuellen politischen Fragen. Sein Film beweist jedoch eine klare Haltung, wenn es um die Aufgabe des Antifaschismus geht. Er ist überzeugt davon, dass die Braunauer selbst das Gespür und die Erfahrung haben, mit dem Haus umzugehen.
Dafür steht auch die 100-jährige ehemalige Braunauer Vizebürgermeisterin Lea Olczak, die im Film zu Wort kommt. In der Nazi-Zeit versteckte ihre Familie eine jüdische Freundin, nun warnt sie davor, dass der braune Schatten wieder dunkler wird. Wenn es nach ihr ginge, würde das Haus wieder sozialkaritativ genutzt. Warum? „Weil der Hitler dagegen wäre.“
*Ist Filmkritiker in Wien und Innsbruck
Eine tiefgründige Auseinandersetzung mit einer Stadt mit vielen ganz normalen Häusern. Und einem anderen.
COLETTE M. SCHMIDT (DER STANDARD)
Dieses „läppische“ Haus
Günter Schwaiger porträtiert Hitlers Geburtsort
Colette M. Schmidt
Dieses Haus, des is läppisch“, sagt ein Mann mit weißer Kappe und Sonnenbrille, an ein Stiegengeländer gelehnt. Karl Sierek ist einer der vielen Braunauer und Braunauerinnen, mit denen Regisseur Günter Schwaiger für seinen Dokumentarfilm Wer hat Angst vor Braunau? gesprochen hat. Sierek beschreibt seinen Geburtsort als Arbeiterstadt, in der er zum Antifaschisten heranwuchs. Das sei nirgends leichter als hier. Das Haus, von dem die Rede ist, ist jenes, in dem Adolf Hitler geboren wurde und drei Jahre als Kind gelebt hat.
Schwaiger wollte eigentlich einen Film darüber machen, wie der Verein Lebenshilfe in das Haus einzieht. Doch wie das bei Recherchen so ist, soll man ergebnisoffen an sie herangehen. Nachdem in einer umstrittenen Entscheidung des Innenministeriums beschlossen wurde, dass nicht der Verein, sondern eine Polizeistation in das „Hitler-Haus“ einziehen werde, musste der Regisseur thematisch umschwenken.
So passierte Schwaiger gewissermaßen ein Porträt einer Stadt, die immer noch unter dem Beigeschmack des monströsen Diktators leidet. Man habe als Kind gedacht, das „Braun“ in Braunau käme von der politischen Farbe, erzählt eine Braunauerin. Ein anderer sagt, er habe immer erzählt, er sei aus der Nähe von Salzburg. „Hitler ist vielleicht gar nicht hier geboren“, hofft ein anderer und deutet in Richtung deutsche Grenze, von wo das Baby Hitler angeblich nur schnell hergebracht wurde. Eine Legende.
Fragen drängen sich auf: Was kann eine Stadt dafür, dass Hitler kurz hier gelebt hat? Kann ein Haus böse sein? Und: Wie geht man mit dem Erbe der Täter um, wenn die Mehrheit der Bevölkerung von solchen abstammt? Schwaiger sucht Antworten in soziologischen Modellen, die erklären, warum Braunau als Österreichs Müllhalde der Schuld dienen muss. Nur einmal sei Hitler unmittelbar nach der Annexion Österreichs als Erwachsener von der deutschen Grenze kommend durchgefahren und habe das Haus nicht einmal angeblickt.
Historisches Filmmaterial kombiniert der Regisseur mit Landschaftsaufnahmen und ruhig geschnittenen Interviews, in denen er die Menschen wirklich ausreden lässt. Die Frage nach dem Umgang mit Schuld führt ihn schließlich in die eigene Familiengeschichte: zu alten Interviews mit seinen mittlerweile verstorbenen Eltern, die er einst dabei filmte, wie sie ihm, „unschuldig schuldig geworden“, von ihrer Jugend im Naziregime erzählten.
Wer hat Angst vor Braunau? ist der erste Film über das belastete Haus. Um die Nachnutzung, die seit Jahrzehnten für politische Diskussionen sorgt, geht es am Ende der Doku. „Ein Fund“ sei während der Recherche gemacht worden. Gemeint ist ein Zeitungsartikel aus der NS-Zeit von 1939. Darin stand, Hitler wünsche, dass sein Geburtshaus „zu Kanzleien der Kreisleitung“ umgebaut werde. Dieser Wunsch werde durch den geplanten Einzug der Polizei erfüllt, sagt Schwaiger.
Ob man diese Sichtweise teilt oder nicht: Der Film ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit einer Stadt, die viele ganz normale Häuser hat. Und ein anderes.












