Wienfilm 1896 - 1976
„WIENFILM 1896 – 1976 ist eine Kollektivarbeit, d.h. die unterschiedlichsten Beiträge von Wiener Künstlern, Archivmaterial und Teile seiner eigenen Filme dienten dem Filmpublizisten und Filmemacher Ernst Schmidt jr. als Rohmaterial für die Montage einer Anthologie über Wien seit der Erfindung des Films bis heute. Die ersten Lumière-Filme über Wien sind ebenso enthalten wie Wochenschauen aus der Zeit vor und nach dem Anschluß an das Deutsche Reich. Dieses historische Material wird ironisch kommentiert durch einen ständigen, abrupten Szenenwechsel oder durch eine asynchrone Bild-Text-Montage... Der Film ist dennoch mehr als eine reine Materialsammlung über bewegte Bilder aus Wien. Ernst Schmidt jr. gehört wie Kurt Kren, Peter Kubelka u.a. zu jener Gruppe von österreichischen Filmemachern, die als erste konsequent den formalen oder strukturalen Film vorantrieben. Ihre wichtigsten Arbeiten entstanden gegen Mitte der 60er Jahre.“ FERDINAND JUNG
„Eine Anthologie, ein kurzweiliges Bilderbuch mit verwirrender Paginierung. Eine Collage als virtuoses Bewusstseinsdokument vom Ende der siebziger Jahre.“ KARL BARATTA
F. Achleitner, M. Adrian, H.C. Artmann, H. Benedikt, A. Berg, J. Berger, M. Blackout, Ch. Chaplin, E. Dollfuß, H. Eckener, W. Ernst, VALIE EXPORT, Franz Joseph I., P. Frieberger, S. Freud, W. Funda, A. Girardi, H. Göring, A.Hitler, T. Körner, E. Jandl, G. Janicek, B. Kramer, W. Kofler, B. & S. Kronheim, E. J. Lauscha, L. & A. Lumière, F. Mayröcker, O. Muehl, C. Pongratz, J. Poselski, A. Rainer, D. Roth, Rudi, G. Rühm, H. Schürrer, K. Schuschnigg, P. Weibel, K. v. Zieglmayer u.v. m.
MUSIK: Armin Berg, Alexander Girardi
ÜBER DEN FILM

„Wem gehört Wien?“
Filmische Stadterforschung von Ernst Schmidt jr.
Bert Rebhandl*
Wem gehört Wien?“ Diese Frage, von Peter Weibel zahlreichen Passanten vor versteckter Kamera gestellt, bildet einen Refrain in dem Wienfilm 1896–1976 von Ernst Schmidt jr. Dass Wien den Wienerinnen und Wienern gehört, scheint sich von selbst zu verstehen. So einfach ist die Sache aber nicht. Denn Wien hat nicht nur viele Bevölkerungen erlebt, sondern auch viel Geschichte, und nicht immer verlief diese zum Wohl aller Bevölkerungsschichten.
1896 entstanden die ersten Filmbilder aus der Stadt an der Donau. Ernst Schmidt jr., der zwischen Experimental- und Dokumentarfilm keinen prinzipiellen Unterschied sah, verwendete in seinem Wienfilm viel Material, das schon im Umlauf war, und stellte es in Beziehung zu eigenen Aufnahmen. Daraus entstand eine Collage über ein Wien, das durch diesen Film erst wieder in Besitz genommen wird – nun nicht so sehr von der breiten Bevölkerung, als von der großen Gruppe der Dichter und Künstler, der Strawanzer und Lebenskünstler, mit denen Ernst Schmidt jr. bekannt war: Friedrich Achleitner, Marc Adrian, H.C. Artmann, Joe Berger, Otto Mühl, Hermann Schürrer usw.
Wien war in seiner Geschichte auch umstritten. Diesen Aspekt verdrängt Ernst Schmidt jr. nicht, im Gegenteil, es bilden Wochenschauaufnahmen aus dem Jahr 1934 eine wichtige Spur, die sich durch den Film zieht. Wenn der anonyme Sprecher dieser Kriegsberichte von „Artilleriestellungen am Floridsdorfer Brückenkopf“ spricht, dann klingt das, als wäre schon Weltkrieg.
„Wien kommentiert sich unentwegt selbst, der Filmkünstler montiert dieses Selbstgespräch so, dass der Unsinn auch Sinn macht.“
Es ging aber gegen „Aufrührer“ in den Arbeitersiedlungen, gegen Wiener.
Die Stadt, die Ernst Schmidt jr. erforscht, ist selbst nicht modern. Sie wird es erst durch diese Darstellung, in der das Wienerlied und die Konkrete Poesie, das selbst gedrehte Super-8-Material und alte Filmaufnahmen aus russischen Archiven gleichwertig behandelt werden. Wien kommentiert sich unentwegt selbst, der Filmkünstler montiert dieses Selbstgespräch so, dass der Unsinn auch Sinn macht, der Tiefsinn weniger.
Zwei längere Sequenzen ragen heraus: Der Schriftsteller Werner Kofler lieferte die Idee zu einer Darstellung des Psychiatrischen Krankenhauses am Steinhof. Eine Frauenstimme schildert die unerträglichen Zustände an diesem Ort für „Verrückte“, während Schmidt jr. von außen die trügerisch idyllische Anlage vermisst. Später filmt er das Riesentor des Stephansdoms als Höllenschlund. Auf dem zentralen Wiener Platz wird gerade gebaut, die Kirche ist fast nicht wiederzuerkennen, auch die Musik ist stark antisakral.
Das Prominentenprinzip, auf das in Wien so großen Wert gelegt wird, bedient Schmidt jr. mit kurzen Reminiszenzen an berühmte Leute, die einmal da waren: Charlie Chaplin hat schon weiße Haare, wird aber immer noch bei seinem Künstlernamen gerufen. „Wem gehört Wien?“ Der Film macht Wien als offene Stadt erst zugänglich.
*Ständiger Mitarbeiter des Standard, lebt und arbeitet in Wien.
Eine Anthologie, ein kurzweiliges Bilderbuch mit verwirrender Paginierung. Eine Collage als virtuoses Bewusstseinsdokument vom Ende der siebziger Jahre.
KARL BARATTA
Wien. Film. Welt.
Der wohl eigenwilligste Filmemacher der heimischen Avantgarde: Ernst Schmidt jr.
Dieser Film ist eine Art Anthologie über Wien seit der Erfindung des Films bis zur Gegenwart. Das Klischee des üblichen ‚Wienbildes‘ (wie etwa im ‚Wiener Film‘) soll durchbrochen werden durch die Gegenüberstellung dokumentarischen Materials, neu gedrehten Szenen und subjektiver, von verschiedenen Künstlern entworfener Sequenzen.“
(Ernst Schmidt jr.)
„Ernst Schmidt jr. kehrte mit seinem Wienfilm 1896–1976 zu konventionelleren Formen des Dokumentarfilms zurück. Dokumentarist war Schmidt jr. in seiner extrem gebrochenen Form immer gewesen; und ähnlich wie Ferry Radax hielt auch Schmidt jr. immer engen Kontakt zu Künstlern anderer Sparten und ließ deren Arbeit in die eigenen Filme einfließen. Im zweistündigen Wienfilm führte er sie alle zusammen. Entstanden ist ein Kaleidoskop, das von den ersten Wienaufnahmen der Lumières bis zu höchst wienerischen Live-Performances und Auftritten vor der Kamera – Pahdi Frieberger, Hermann Schürrer, Joe Berger, Peter Weibel und vieler, vieler anderer – reicht.“
(Peter Tscherkassky)
„Dass Schmidts Beziehung zur Welt zu einem großen Teil über das Medium Film erfolgt, Kosmos und Filmkosmos identisch werden, ja mehr noch, der Kosmos eine filmische Ordnung erhält, zeigt sich im Konzept und Titel des Langfilms Wienfilm 1896–1976. Es ist dies eine Art Anthologie über Wien, wobei Wien für Schmidt exakt mit der Erfindung des Films zu existieren anfängt – und kein Jahr früher. (...) Der Wienfilm, nach wie vor Schmidts Opus magnum, hat seinen Nummerncharakter, auch wenn sich einzelne Teile z. T. verzahnen und überlappen. Einer solchen Revue kann man zugestehen, dass die eine Nummer gelungener ist als die andere, sofern, wie hier, ein bestimmtes Niveau nie unterschritten wird. Für mich zu den schönsten Stellen in diesem Film wie überhaupt gehört die zitternde Zeitlupenaufnahme des Hauptportals des Stephansdomes während des U-Bahn-Baus, unterlegt mit der Musik von Wolfgang Ernst – eine magische Sequenz.“
(Hans Scheugl)
Ernst Schmidt jr. wurde 1938 in Hadersdorf am Kamp (NÖ) geboren. Er absolvierte erst die Handelsschule, dann besuchte er die Filmakademie in Wien – in der selben Klasse wie Hans Scheugl. Ab 1963 drehte er als unabhängiger Filmemacher zahlreiche Experimentalfilme, Schmidt versuchte, Filmgruppen zu bilden und machte die Bekanntschaft von Kurt Kren und Ferry Radax. 1964 gab er die hektografierte Filmzeitschrift Caligari (zwei Nummern erschienen) heraus. In den folgenden Jahren arbeitete er mit Hans Scheugl und Peter Weibel zusammen und war als Mitarbeiter von Filmzeitschriften in der BRD, der Schweiz und Österreich aktiv. Anfang 1968 gründete er zusammen mit Scheugl, Kren, Weibel sowie Gottfried Schlemmer und VALIE EXPORT die Austrian Filmmakers Cooperative. 1973 war er Mitbegründer der Grazer Autorenversammlung. Zusammen mit Scheugl ist Schmidt Verfasser von Eine Subgeschichte des Films. Lexikon des Avantgarde-, Experimental-, und Undergroundfilms, Frankfurt/Main 1974. Wienfilm 1896–1976 war sein erster Langfilm. Schmidt ist Mitbegründer des österreichischen Regisseurverbandes und Mitorganisator der Viennale-Retrospektive „Der neue österreichische Film“ 1970 in der Wiener Urania. 1981 drehte er, frei nach Doderer, Die totale Familie. 1988 starb Ernst Schmidt jr., der wohl eigenwilligste Filmemacher unter Österreichs Filmavantgardisten.








