Zerschlag mein Herz
Zusammen mit anderen slowakischen Roma lebt der lebensfrohe Teenager Pepe unter der Aufsicht seines despotischen Onkels Rocky in Wien. Um Geld für seine Mutter und Schwestern in der Ostslowakei zu verdienen, geht Pepe Tag für Tag betteln. Trotz der Härte seines Alltags scheint sich Pepe mit seiner Lebenssituation abgefunden zu haben. Das ändert sich jedoch, als die gleichaltrige Marcela dazukommt, um die Schulden ihres Vaters bei Rocky abzuarbeiten. Die beiden Teenager verlieben sich und träumen von einem freien selbstbestimmten Leben, in dem sie ihre Liebe frei ausleben dürfen. Doch die Rechnung haben sie ohne Rocky gemacht, der hat nämlich seine ganz eigenen Pläne für Marcela.
„Poetischer Realismus, wie man ihn im österreichischen Kino sonst kaum sieht.“
DER STANDARD
Simona Kovácová, Roman Pokuta, František Balog, Simonida Selimovic, Martin Gábor, Maximillian Six u.v.m.
ÜBER DEN FILM

Pracht der Liebe
Alexandra Makarovás Spielfilm „Zerschlag mein Herz“
Carolin Weidner*
Sommer in Wien: Den Brotrand entfernt Pepe, um aus üblichen Marmeladentoasts welche in Herzform herzustellen. Sie sind für Marcela, die wohl im Hinterhof mit den bunt bemalten Mauern sitzt. Und sie sind, natürlich, ein Liebesbeweis. Wenig später rutschen erneut Herzen ins Bild: Dieses Mal befinden sie sich allerdings in einem slowakischen Dorf, auf einem DIN-A4-Blatt, das man an eine Tür geklebt hat. Sie künden von einer Hochzeitsfeier, die jedoch nicht zwischen Pepe und Marcela stattfindet, sondern zwischen Marcela und Rocky. Die Herzen aus dem Drucker sind nicht echt. Aber sie sind, auf gewisse Art, die mächtigeren.
An Symbolen, in denen sich die Liebe – wahre und auch weniger wahre – auszudrücken sucht, gibt es in Alexandra Makarovás erstem Spielfilm Zerschlag mein Herz viele. Da ist die Flasche Champagner, die es konventionell für einen Heiratsantrag braucht. Oder die deutliche Formel „Ich liebe dich“. Da ist die Bereitschaft, mit jemandem zu schlafen. Oder die Person, der man seine Liebe geschenkt hat, vor Unheil zu bewahren. Auch der Wunsch zu sterben, wenn es unmöglich geworden ist, die starke Liebe zu leben.
Es sind klassische, viel besehene, universale Motive, auf die Makarová zurückgreift. Was hingegen ganz und gar nicht viel besehen ist – jedenfalls nicht in einem fiktionalen Filmbereich, der sich Pracht und Farbe und Emotion erlaubt –, ist das Milieu, in dem die Regisseurin jene großen Liebesnarrative freilässt: junge Roma aus einer „osada“, einer Siedlung, im Osten der Slowakei, die in Wien gelandet sind, wo sich clanartige, patriarchale Strukturen wiederholen.
„So erschreckend die oftmals unsichtbaren Zäune um diese Welt sind, so erscheinen die Momente der Freiheit, wenn sie einmal vergessen sind.“
Einer Fünf-Akt-Struktur folgend, nimmt das Drama seinen Anfang mit Marcela, gespielt von Simona Kováčová. Sie ist das neue Mädchen, das in die Stadt verschickt wurde, um die Schulden ihres Vaters abzuarbeiten. Abzuarbeiten, das bedeutet: sich zu prostituieren. Marcela verwehrt sich erfolgreich diesem Schicksal und nimmt dafür mit einem anderen, dem der Bettlerin, vorlieb. Mit ihrer Ankunft in Österreich ist sie zudem ins Visier zweier Männer geraten: eben jenes Pepe (Roman Pokuta), der ungefähr im selben Alter wie Marcela, also ein Teenager, ist, und von Rocky (František Balog). Der despotische Mittdreißiger ist der Onkel Pepes, der die Wiener Zwangsgemeinschaft regiert.
So erschreckend die oftmals unsichtbaren Zäune um diese Welt sind, die sich auch wie automatisch zu erneuern scheinen, so erscheinen die Momente der Freiheit, wenn die Umgrenzungen einmal vergessen sind. Dann werden herzförmige Marmeladentoasts zubereitet, wird im Club getanzt, flackert eine Zukunft auf, und man beschließt, vielleicht fortzulaufen, um zu studieren. Dass jene positiven Kräfte sehr wahrscheinlich bald gebrochen werden, rückt den Film nah zur Tragödie. Gleichzeitig schöpft er aus jenem Wechselspiel seine Energie, die sich in nahezu jeder Einstellung aufs Neue bündelt.
*Lebt als Filmkritikerin und Kuratorin in Berlin.
Poetischer Realismus, wie man ihn im österreichischen Kino sonst kaum sieht.
DER STANDARD
Das Kolorit der Gefühle
Über Recherche und Look von „Zerschlag mein Herz“
So farbenfroh hat man Wien selten gesehen: Blumenmuster überall, bunte Wände, grüne Lichter, rote, blaue, pinke Wäsche an der Leine und eine glitzernde Donau. Das Wien von Pepe und Marcela strahlt dann, wenn das Paar für kurze Zeit seine Innigkeit auslebt: Der Prater und sein Spiegelkabinett sind Schauplatz, ihre fluoreszierenden Freundschaftsbänder im Stroboskopgewitter Versprechen der aufkeimenden Liebe.
Zerschlag mein Herz bleibt visuell bunt, obwohl seine Geschichte dunkel ist. Die Romanze zwischen zwei Jugendlichen blüht auf, als Marcela, „die Neue“, aus ihrem Dorf in der Ostslowakei in die Großstadt kommt, um die Schulden ihres Vaters abzuarbeiten.
In Wien wird sie von Rocky, Pepes Onkel, aufgenommen: ein mafiöser Patriarch, der seinen erweiterten Familienclan ebenso wie Marcela und Pepe zum Geldverdienen verpflichtet, auf dem Straßenstrich oder durch Betteln in der Innenstadt. Marcela entkommt der Prostitution. Sie wird von Pepe ins Hausieren eingeführt, er schützt sie vor Gewalt.
In ihrem Spielfilmdebüt versetzt Alexandra Makarová das berühmteste Liebespaar der Welt in das Milieu der slowakischen Roma in Wien und findet eine ganz eigene Filmsprache. In poetischen Bildern, die oftmals wie Traumsequenzen anmuten, erzählt Zerschlag mein Herz von nichts Geringerem als den ganz großen Gefühlen, mit einem Augenzwinkern illustriert durch Erdbeermarmeladentoasts in Herzform. Der überbordende Kitsch mancher Szenen kann aber die Ernsthaftigkeit der jungen Liebe nicht tilgen: Große Gefühle brauchen nun einmal alle Mittel, um sie fassbar zu machen.
Lili Hering im STANDARD, 5.10.2018
Zusammen mit Jozefina Tomášová, einer Romni aus der Ostslowakei, habe ich fast zwei Jahre lang unzählige „osady“ – das sind Slums, in denen die slowakischen Roma leben müssen, meistens am Stadtrand oder abseits kleiner Dörfer – besucht und die Menschen kennengelernt, ihre Ängste und Hoffnungen. Aus vielen dieser Lebensgeschichten und Schicksalsschlägen, die sie mir erzählt haben, ist nach und nach das Drehbuch entstanden. Ich hatte die Möglichkeit, sie in das Drehbuch einzubinden, indem ich immer wieder nachgefragt habe: Wie würden sie reagieren, was wäre in ihrer Lebenslage denkbar?
Mir war sehr wichtig, dass ich so weit wie möglich über die Bräuche, die Familienstrukturen und Verhaltensregeln Bescheid weiß. Besonders wichtig war es, dass meine Recherche fundiert ist und ich den Menschen so weit als möglich gerecht werde, sprich, dass ich die Geschichte unserer Protagonisten nicht weiß färbe und ihr Verhalten dem Drehbuch zuliebe an die Sicht eines mittelständischen weißen Europäers anpasse. Das zeigt sich sowohl am Verhalten unserer Protagonisten und den Entscheidungen, die sie treffen, als auch am Kolorit des Films, sei es im Szenen- und Kostümbild oder in der Filmmusik.
Alexandra Makarová










