Die Kameraden des Koloman Wallisch
Der Österreichische Film
Edition#393

Die Kameraden des Koloman Wallisch

Michael Scharang /// 1984 /// Drama

88 min • Altersfreigabe: 0 • SD
Sprache: Deutsch

Bruck an der Mur, 1934: Die Sozialisten unter Führung ihres Landesparteisekretärs Koloman Wallisch müssen sich nach erbittertem Kampf ergeben, der Aufstand wird niedergeschlagen. Vor diesem Hintergrund verliebt sich der Fabriksarbeiter Viktor in Paula, die Tochter eines angesehenen Arztes. Die unterschiedliche soziale Herkunft und weltanschauliche Gegensätze — Viktor ist engagierter Sozialist, Paula gehört dem bürgerlichen Lager an — belasten die Beziehungen.

„Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin – dann kommt der Krieg zu Euch!“ BERT BRECHT

Besetzung  

Georg Schuchter, Henriette Cejpek, Robert Tessen, Hans Falar, Gabriele Buch, Gerhard Dorfer, Brigitte Antonius, Alexander Strobele u.v.m.

Regie  

Michael Scharang
Drehbuch  

Michael Scharang
Kamera  

Wolfgang Treu

DVD EDITION #393

Die Kameraden des Koloman Wallisch (1984) - Drama | watchAUT Film

Was tun in Österreich?

Michael Scharangs „Die Kameraden des Koloman Wallisch“

Bert Rebhandl*


D

er Februar 1934 markiert in der österreichischen Geschichte ein „Nie wieder“. Dass politische Auseinandersetzungen mit Waffen ausgetragen werden, dass sich Parteien und Weltanschauungen zu Kampfverbänden formieren, das darf so nie wieder vorkommen. Was damals genau geschah, ist allerdings selbst ein Thema, über das es Streit gibt.

Michael Scharangs Fernsehfilm Die Kameraden des Koloman Wallisch präsentiert eine linke Sichtweise. Am 11. Februar 1934 gehen die meisten Leute in der Industriestadt Bruck an der Mur in die Kirche. Nur eine kleine Gruppe von Mitgliedern der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei trifft sich heimlich, um etwas zu besprechen.

In ihrer Mitte ein Mann, der schon „Erfahrungen mit der Revolution“ hat: Koloman Wallisch hat in Ungarn mit der kurzlebigen Räterepublik einen Umsturz erlebt. Nun soll er den Genossen in Bruck übermitteln, wie der Kampf gegen den Faschismus zu führen ist. Denn in Deutschland ist Hitler schon an der Macht, in der Sowjetunion herrscht die KP unter Stalin. Was tun in Österreich?

Michael Scharang, 1941 im steiermärkischen Kapfenberg geboren, stammt aus einer Region, in der die Erinnerung an den Februar 1934 beinahe an jeder Straßenecke zu finden ist. Er wurde ein Arbeiterschriftsteller, der auch das populäre Medium Fernsehen zu nützen versuchte.

In den 1970er- und frühen 1980er-Jahren ging der damalige ORF-Generalintendant Gerd Bacher so weit, dass er Fernsehfilme als „Gewissen der Nation“ verstand.


„Nach Koloman Wallisch sind in Österreich auch heute noch Plätze und Straßen benannt. Sein Name ist aber weitgehend vergessen.“


So gab es auch ein Bündnis zwischen Literatur und Fernsehen. Intellektuelle suchten nach dem großen Publikum in den Wohnzimmern. Die Alpensaga (1976) von Peter Turrini und Wilhelm Pevny oder Das Dorf an der Grenze (1979) von Thomas Pluch bereiteten die Geschichte Österreichs im 20. Jahrhundert auf und widmeten sich dabei auch verdrängten Themen wie dem großdeutschen Nationalismus.

Michael Scharang verstand sich von Beginn an als Schriftsteller und Medienarbeiter. 1972 machte er mit dem halbstündigen Fernsehspiel Ein Verantwortlicher entlässt einen Unverantwortlichen (Regie: Herbert Brödl) zum ersten Mal im ORF-Fernsehen auf sich aufmerksam: Ein alltäglicher Fall aus der Arbeitswelt wird in einer dreifachen Wiederholung analysiert und auf die Klassenaspekte hin entschlüsselt. 1975 steuerte Scharang das Drehbuch zu einem der wichtigsten österreichischen Filme dieser Dekade bei: Totstellen von Axel Corti erzählt von einem burgenländischen Maurer, der täglich nach Wien zu Arbeit pendelt. Die Fernsehfassung ließ ein bisschen mehr von dem großen Vorbild Brecht erkennen, von dem sich die Ästhetik der 70er Jahre immer wieder bestimmen ließ: Der Sohn eines Landarbeiters wird Bauarbeiter und baut sich ein Haus.

Die Hauptrolle spielte Klaus Rott, der zur gleichen Zeit in der Rolle des Sohns von Mundl Sackbauer in der Serie Ein echter Wiener geht nicht unter bekannt wurde. Mit Romanen wie Charly Traktor, Der Lebemann oder Das doppelte Leben (die beiden Letzteren auch mit Filmadaptionen) sowie einer Reihe von Hörspielen wurde Michal Scharang eine bedeutende Stimme einer neuen progressiven Intelligenz in Österreich.


Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin – dann kommt der Krieg zu Euch!


BERT BRECHT

In Die Kameraden des Koloman Wallisch entwirft Scharang ein gesellschaftliches Panorama des Ständestaats: Der Arbeiter Viktor (Georg Schuchter) und die Arzttochter Paula (Henriette Cejpek) verlieben sich über Klassengrenzen hinweg. Sie teilen auch ein Talent, beide sind gut auf Skiern. Die Sprungschanze, auf der Viktor sich bewähren möchte, gehört allerdings der Fabrik, also der Bourgeoisie.

Paulas Großvater betreibt in Bruck eine Buchhandlung. Er steht für eine Christdemokratie, die sich nicht auf autoritäre Herrschaft einlassen möchte. Mit Bundeskanzler Engelbert Dollfuß, der das Parlament ausgeschaltet hat, lag er einst im Schützengraben. Doch der hört nicht mehr auf ihn. Vor allem aber interessiert Scharang sich für die Entscheidungsprozesse in der Linken: Die einen drängen auf einen Generalstreik, aber die Parteiführung lässt es an Entschlossenheit mangeln.

Der Arbeiterklasse fehlt es an Einheit. So kann sie keinen „Damm“ gegen den Faschismus bilden. Damit bildete Michael Scharang auch das größere Problem, dass es der Linken in Deutschland nicht gelungen war, ein Bündnis zur Verhinderung von Hitler zu schmieden, auf das kleinere Österreich ab.

Wie wir heute wissen, erwiesen sich die Bemühungen des Austrofaschismus um die Bewahrung der Eigenstaatlichkeit als vergeblich. 1938 wurde Österreich an das nationalsozialistische Deutschland angeschlossen, unter dem Jubel eines großen Teils der Bevölkerung. Diese Szenen auf dem Heldenplatz hat Michael Scharang mit seinem Film immer schon im Kopf.

Die Kameraden des Koloman Wallisch stammt aus einer Zeit, in der in Österreich das etablierte Parteiensystem der Zweiten Republik in eine Krise geriet. Einige Jahrzehnte hatte es eine linke und eine rechte „Reichshälfte“ gegeben, SPÖ und ÖVP hatten das Land in einem Proporz unter sich aufgeteilt. 1984 feierte der Rechtspopulist Jörg Haider in Kärnten seinen ersten Wahlerfolg. Ein Jahr später nominierte die ÖVP Kurt Waldheim für die Wahl zum Bundespräsidenten. Heute wird über eine „Brandmauer“ gegen rechte Parteien gesprochen.

Michael Scharang versuchte mit Die Kameraden des Koloman Wallisch, eine Niederlage im Jahr 1934 in einen Lernprozess für die liberale Demokratie der Nachkriegsjahre zu übersetzen – mit den filmischen Mitteln eines öffentlich-recht-lichen Rundfunks, der sich als Instrument dieser Demokratie verstand.

Nach Koloman Wallisch sind in Österreich auch heute noch Plätze und Straßen benannt. Sein Name ist aber weitgehend vergessen. Schon der Fernsehfilm von Michael Scharang war ein Versuch, nicht nur Wallisch als Individuum in Erinnerung zu rufen, sondern auch politische Optionen im Spiel zu halten, die aus der langen Geschichte der sozialistischen Bewegungen stammten. Dass diese häufig zwischen demokratischem Alltag und revolutionären Hoffnungen auf eine ganz andere Politik zerrissen waren, macht den Film heute umso aktueller.


*Ist Filmkritiker und lebt in Berlin. 



Trailer 2024 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"